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Vom brennenden Dornbusch - Predigt zu Trinitatis - 7. Juni 20

Vom brennenden Dornbusch

Exodus 3,1-10

Sonntag Trinitatis, 7. Juni 2020

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.2 Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.

3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. 4 Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.5 Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!

6 Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. 8 Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.

9 Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, 10 so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Liebe Schwestern und Brüder,

Trinitatis heißt dieser Sonntag, übersetzt: Sonntag der Dreieinigkeit. Thema ist heute also Gott selbst, der dreieinige Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Was das bedeutet und wie diese drei „Personen“ oder Erscheinungsformen Gottes zusammenhängen, darüber hat man sich in der frühen Kirche lange den Kopf zerbrochen, aber im Grunde sind alle diese theologischen Überlegungen sekundär. Sie sind ein Versuch, die oft ganz unterschiedlichen Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, miteinander zu verbinden. Immer unter der Voraussetzung, dass wir von uns aus nicht in der Lage sind, Gott zu verstehen, weil das Kleinere eben nicht das Größere begreifen kann, es sei denn, das Größere gäbe sich dem Kleineren zu erkennen. Wir erkennen Gott also nur in dem Ausmaß, in dem er sich uns offenbart. Und das hat er auf dreierlei Weise getan: als Schöpfer und Bewahrer der Welt und unseres Lebens, als Lehrer und Erlöser in Jesus Christus und als Heiliger Geist in uns selbst. So sagt es die Trinitätslehre, und so fassen wir es im Glaubensbekenntnis zusammen. Aber am Anfang stehen keine theoretischen Überlegungen, wie man sich Gott denken könnte, sondern Erfahrungen, Begegnungen mit Gott.

Von einer solchen Begegnung handelt unser Abschnitt aus dem 2. Buch Mose, der sicher zu den tiefgründigsten Texten gehört, die im Alten Testament zu finden sind. Mose, der zum Berg Horeb kommt.

Berge gelten ja seit jeher als heilige Orte. Der Olymp im Griechenland, der Zion in Jerusalem, der Fujiyama in Japan. Auch wir stellen Gipfelkreuze auf unsere Berge, weil wir uns dort Gott besonders nah fühlen.

Der Berg Horeb galt schon lange vor Mose als heilig. Es heißt, es sei der gleiche, an den das Volk Israel später zurückkehrte, um die Zehn Gebote in Empfang zu nehmen, der Sinai.

An diesen heiligen Ort nun kommt Mose wohl zufällig mit einer Herde Schafe und findet dort einen brennenden Dornbusch. Ein Busch, der brennt und nicht verbrennt. Eben ein Wunder. Das Unerklärliche, das Faszinierende gehört zu den frühesten Erfahrungen, die Menschen mit dem Heiligen verbunden haben. Blitz und Donner, der Regenbogen, all das, was man sich nicht erklären konnte, galt als Zeichen einer höheren Macht. Das ist anders geworden, seit wir die Elektrizität kennen und wissen, dass sich das Sonnenlicht in Regentropfen bricht. Die Wissenschaft hat uns an vielen Stellen geholfen, die Natur aus ihren eigenen Gesetzen heraus zu verstehen, aber je mehr Rätsel man löst, desto mehr neue Rätsel tauchen auf.

Auch Mose ist von diesem rätselhaften Vorgang des brennenden Dornbuschs fasziniert und sagt: Das muss ich mir genauer ansehen. Aber als er näherkommen will, hält ihn eine Stimme zurück: „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land!“

Das ist das Zweite, was zur Begegnung mit Gott gehört, eine Zurechtweisung: Komm mir nicht zu nah! Du kannst hier nicht nach Belieben rumtrampeln, denn du stehst auf heiligem Boden!

Diese Unterscheidung gibt es in allen Religionen: zwischen dem Alltäglichen und dem Heiligen. Das lateinische Wort für das Heilige ist fanum, und das, was vor dem Heiligen liegt, ist das profanum. Der Tempel in Jerusalem war in drei Bezirke unterteilt: im Inneren das Allerheiligste, das nur an einem Tag des Jahres betreten werden durfte, und dann nur vom Hohenpriester. Davor lag das Heiligtum, das von allen Juden betreten werden durfte, aber auch nur von ihnen, für alle anderen war es tabu. Und vor dem Heiligen lagen die offenen Bezirke, in denen die Händler ihre Ware verkaufen durften. Das war das Profanum.

Eben dieser Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Profanen ist heute vielen Menschen verlorengegangen. Manchmal wundern wir uns, wenn wir in südlichen Ländern kleine Hinweise finden: Bitte die Kirche nicht in Badekleidung betreten! Ja, warum denn nicht? Es ist doch auch nur ein Touristenziel, und da kann man sich doch benehmen, wie man will, und natürlich Fotos machen, soviel man will! Dafür ist man schließlich in die Kirche hineingegangen, um Andenken zu sammeln und weil es da so schön kühl ist.

Die Kirche ist also ein ganz profaner, wenn vielleicht auch museal interessanter Ort geworden, an dem man sich nicht anders verhält als sonst auch. Genauso wie man Brautpaaren bei uns manchmal schwer verständlich machen kann, dass während der Trauung nicht permanent fotografiert werden sollte. Die Kirche ist doch auch nur folkloristischer Bestandteil einer sorgfältig geplanten Agenda, und da muss jeder Moment aufgezeichnet werden, bis hin zu Gebet und Segen!

Und genau, wie viele das Gespür für heilige Räume verloren haben, ist auch die Distanz zu Gott verlorengegangen. Das, was man früher als „Ehrfurcht“ bezeichnet hat, also diese Mischung aus Furcht und Ehre. Ein Stück weit liegt das natürlich an Jesus selbst: schließlich hat er uns ja aufgefordert, keine Angst vor Gott zu haben, sondern ihn als Vater zu sehen und ihm in allen Dingen zu vertrauen. Nur: auf diese Anrede „Vater unser“ folgt sogleich die Bitte „Geheiligt werde dein Name“. Die Erinnerung daran, dass dieser Gott zwar wie ein Vater zu uns sein will, aber trotzdem der Heilige bleibt, der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde, der mich geschaffen hat und vor dem ich mich am Ende verantworten soll.

„Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten,“ sagt Paulus. Die Idee, dass man über alles spotten kann, dass Satire alles darf, wie Kurt Tucholsky das ausgedrückt hat, ist eine zutiefst westliche Vorstellung. Sie ist aber völlig unvereinbar mit den religiösen Vorstellungen in anderen Kulturen. Für einen gläubigen Muslim ist es unvorstellbar, dass man sich über Gott oder seinen Propheten lustig machen könnte. So inakzeptabel es ist, wenn darauf mit Gewalt reagiert wird, so sehr müssen wir uns doch klarmachen, dass wir selbst es sind, die diese Reaktion provozieren, indem wir verächtlich behandeln, was anderen heilig ist. Mit Toleranz hat das nichts zu tun, denn Toleranz hieße auf solche Gefühle Rücksicht zu nehmen, selbst wenn man sie nicht teilt.

Und mit dem Gottesbild hat sich auch der Sinn des Gottesdienstes verändert. Gottesdienst bedeutet ursprünglich ganz einfach: Wir dienen Gott. Wir sind ihm diesen Dienst schuldig, ihn anzubeten, ihn zu loben. Immerhin verdanken wir ihm unser Leben. Wir nehmen uns diese eine Stunde am Sonntag Zeit, um uns auf Gott zu besinnen und auf das, was wesentlich ist in unserem Leben. Um uns „heiligen zu lassen“, hätte man früher gesagt. Das heißt: um von der Heiligkeit Gottes auch etwas in unseren Alltag mitzunehmen, in unser Verhalten, in unser Selbstwertgefühl. Von der Größe Gottes kam auch ein Stück Größe in das eigene Leben.

Heute versteht man den Gottesdienst meist als Service. Das ist auch richtig, solange man das englische Wort „service“ meint, das tatsächlich ursprünglich Gottesdienst bedeutete. Aber damit war der Dienst an Gott gemeint. Heute geht es um eine Serviceleistung an Menschen. Religion ist eben Privatsache und der Gottesdienst ein Freizeitangebot unter vielen. Da überlegt man sich schon, ob man nicht lieber einen Familienausflug macht oder zum Fußball geht oder ausschläft. Die Konkurrenz ist stark, und die meisten haben sich schon für die Mitbewerber entschieden. Um da bestehen zu können, muss man den Gottesdienst attraktiv machen und jedem etwas bieten.

Auch das ist teilweise nicht falsch. Warum sollte man immer nur Lieder singen, die gut hundert Jahre alt sind, es gibt doch auch wunderbare neue Lieder! Und natürlich sollte man von einer Predigt erwarten, dass sie gut vorbereitet und interessant gestaltet ist. Wenn es ein elftes Gebot für Prediger gäbe, müsste es lauten: Du sollst nicht langweilen! (Das zwölfte Gebot wäre dann allerdings: Du sollst nicht nur das erzählen, was die Gemeinde gern hören will. Wenn ich nur das sage, was die Zuhörer sowieso schon seit jeher denken, kann ich mir die Predigt genauso gut sparen.)

Natürlich soll der Gottesdienst Freude machen. Er soll interessant sein, er soll die Gelegenheit geben, aus vollem Herzen mitzusingen (wenn auch nicht gerade im Moment) und mitzubeten und sich an seinen Mitmenschen zu freuen. Sicher haben viele in der letzten Zeit gemerkt, wie wichtig es ist, zum Gottesdienst zusammenkommen zu können und Gemeinschaft mit anderen zu Christen haben. Aber im Zentrum des Gottesdienstes bleibt Gott selbst, bleibt die Begegnung mit dem Heiligen, der uns fasziniert und Hilfe verspricht und dabei auch immer sagt: Tritt nicht herzu, komm mir nicht zu nah, glaub nicht, mich schon zu kennen und nach Belieben herbeirufen und dann wieder vergessen zu können.

„Ich bin, der ich bin,“ ist die Antwort, als Mose Gott nach seinem Namen fragt. Das heißt auch: Ich bin unbeschreiblich anders, als du dir vorstellen kannst. Aber ich bin für dich da. Immer.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Pastor i.R. Harald Bartling

haraldbartling@gmail.com

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