• AS

Ueber das Singen in dunklen Zeiten - Predigt zum Sonntag Kantate 10. Mai 2020

„Über das Singen in dunklen Zeiten“

Predigt zum Sonntag Kantate, 10.Mai 2020

Apostelgeschichte 16, 25-34

23 Nachdem man Paulus und Silas hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Schwestern und Brüder,

eine Episode von der zweiten Missionsreise der Apostel Paulus und Silas. Die beiden haben gerade den wichtigen Schritt von Kleinasien nach Europa getan und sind in der Stadt Philippi angelangt, da werden sie auch schon wegen Unruhestiftens verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Um ganz sicher zu gehen, dass sie auch nicht entkommen können, hat man sie in die innerste Zelle gesteckt, ihre Füße in den Block gelegt und dem Gefängnisaufseher eingeschärft, sie streng zu bewachen. Und die antiken Gefängnisse, das war ja kein moderner Strafvollzug, wo man jeden Tag seine Runde im Hof machen kann, sondern wer da reinkam, der blieb in der Zelle und sah oft jahrelang das Sonnenlicht nicht mehr. Manche wurden auch einfach vergessen und starben dort.

Um es einfach zu sagen: die Lage, in der sich Paulus und Silas befinden, ist schlicht hoffnungslos. Und dann steht da der Satz: „Um Mitternacht“ – also: als es am dunkelsten ist – „beteten Paulus und Silas und lobten Gott.“ Das heißt: die fangen in ihrer Zelle plötzlich an zu singen! Und zwar so laut, dass die anderen Gefangenen sie hören können. Eine Katastrophe! Im Gefängnis, das doch eigentlich dazu gedacht ist, Menschen Angst zu machen, sie zu isolieren. Und dann singen da zwei, so dass andere sie hören können. Und plötzlich kommt da ein neuer Klang in ihre Hoffnungslosigkeit hinein und nimmt ihnen den Druck von der Seele.

Es heißt, dass daraufhin die Erde bebte und ihre Fesseln abfielen, nicht nur die von Paulus und Silas, sondern auch von den anderen Gefangenen. Ich weiß nicht, ob das wörtlich zu verstehen ist, denn eigentlich ist es ja gar nicht nötig. Paulus und Silas sind doch schon frei! Der Versuch, sie einzuschüchtern, ist doch schon fehlgeschlagen. Sie tragen ihre Freiheit in sich, so stark, dass sie sogar noch Andere freimachen, dass sie sogar ihren eigenen Gefängnisaufseher noch davon abhalten können, Selbstmord zu begehen. Denn der ist natürlich dran, der wird zur Verantwortung gezogen, wenn alle Gefangenen plötzlich frei sind. Aber Paulus hält ihn davon ab, sich das Leben zu nehmen, indem er sagt: „Hab keine Angst. Wir sind ja noch da! Wir lassen dich nicht im Stich, hier im Gefängnis.“

Das muss man sich einmal vorstellen: ein Gefangener, der den eigenen Bewacher tröstet! Für den Aufseher ist das so überzeugend, dass er sich diesem Glauben mitsamt seiner Familie anschließt und Christ wird.

Das ist eine Geschichte, die uns ahnen lässt, warum sich das Christentum im ersten Jahrhundert so schlagartig verbreitet hat, obwohl man die Christen verfolgte. Das hängt mit innerer Freiheit zusammen.

Jede Situation hat ja zwei Seiten, auch bei uns. Da sind auf der einen Seite die äußeren Gegebenheiten, unsere Lebensumstände: Arbeit, Einkommen, Gesundheit, Wohnsituation, Bewegungsfreiheit, Familie, Nachbarn. Die politischen und sozialen Bedingungen, mit denen wir leben. Die können gut sein oder auch schwierig, aber wie wir das empfinden und wie wir damit umgehen, das hängt auch von unseren inneren Bedingungen ab: ob wir in einer schwierigen Lage aufgeben oder Widerstand leisten, flüchten oder standhalten, Mut bewahren oder Mut verlieren, hängt von uns selbst ab, von unserer Persönlichkeit.

Es gibt immer eine Außenseite und eine Innenseite, und es ist wichtig, beides zu unterscheiden. Manche kämpfen pausenlos gegen die äußeren Bedingungen, gegen die sogenannten gesellschaftlichen Zwänge, von denen sie sich eingeengt fühlen. Gegen die bösen Mitmenschen, die sie an der Selbstverwirklichung hindern, gegen das Schicksal, das es so schlecht mit ihnen meint. Aber eigentlich leiden sie vor allem an sich selbst, an ihrer Unschlüssigkeit, an der Unfähigkeit, mit ihren Mitmenschen klarzukommen und einer tiefen Unzufriedenheit mit sich selbst.

Und umgekehrt gibt Lebensumstände, die auch dem aktivsten Menschen jede Möglichkeit zur Entfaltung nehmen. Das kann ein politisches System sein oder auch eine unglückliche Beziehung, eine soziale Notlage, eine Krankheit. Manchmal ist die Situation wirklich unerträglich. Dann muss man alles daransetzen, sie zu ändern.

Manchmal gibt es aber auch Zeiten, in denen wir die äußeren Umstände unseres Lebens nicht ändern können. Dann fühlen wir uns eingeengt und eingezwängt fast wie in einem Gefängnis. Nicht jeder bringt dann soviel Glauben auf wie Paulus und Silas, die selbst in der dunkelsten Zelle noch singen können. Aber helfen kann der Glaube in jedem Fall.

Ich kenne ein älteres Ehepaar, das in seiner Familie gleich drei autistische Großkinder hat, die sie auch regelmäßig betreuen. Ich habe sie mal gefragt, wie sie mit dieser Belastung fertig werden und was das mit ihrem Glauben macht. Viele würden sich ja bitter beklagen und Gott anklagen, weil er ihnen eine solche Last auflegt. Die Antwort dieser beiden war: „Gott muss wohl großes Vertrauen zu uns haben, dass er uns gerade diese Kinder anvertraut hat.“

Glauben heißt Umdeuten. Nicht zurückzuschauen und zu klagen: Warum ist es so gekommen? Warum hat Gott mir das zugemutet? Sondern nach vorn zu blicken und zu fragen: Wozu ist das gut? Was soll ich daraus machen?

Das ist eine Blickrichtung, die man von Jesus lernen kann. Als er einmal mit seinen Jüngern an einem Blinden vorbeiging, von dem man wusste, dass er schon blind geboren war, fragten ihn die Jünger: Wer ist schuld an seiner Krankheit? Er selbst oder seine Eltern? Tatsächlich ist das ja ein kniffliges Problem, denn wenn der Blinde schon krank geboren wurde, kann er ja nicht selbst die Schuld haben! Aber wird man für etwas bestraft, was man nicht selbst verschuldet hat? Ist das gerecht?

Ein theologisches Problem, über das man lange nachdenken könnte, über Schuld lässt sich ja trefflich dozieren. Vor allem muss man so einem Kranken dann nicht helfen, denn schuld an seiner Krankheit ist ja jemand anderes. Aber Jesus antwortet: „Weder er hat gesündigt noch seine Eltern, sondern an ihm sollen die Werke Gottes offenbar werden.“ Also nicht: Warum ist das so, sondern: wozu? Er ist krank, damit ich ihm helfe! Und dann heilt er ihn.

Eine heilsame Änderung der Blickrichtung, im wahrsten Sinne des Wortes, weil es uns davon abhält, immer nur zurückzusehen. Stattdessen die Frage: Welche Aufgabe ist mir da anvertraut von Gott? Was kann ich tun, um etwas zum Guten zu verändern? Und welche Gaben hat Gott mir mitgegeben, damit ich die Aufgabe lösen kann?

Aber manchmal gibt es eben keine einfache Lösung. Dann kann man die Situation nur akzeptieren und sich gedulden. Auch Geduld muss man ja lernen. Allerdings ohne sie mit Lethargie zu verwechseln.

Der amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr hat während des Zweiten Weltkriegs ein Gebet formuliert, das viele sicher schon in seiner Kurzform kennen. Es lohnt sich aber, dieses sogenannte Gelassenheitsgebet in seiner ganzen Länge zu lesen:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Einen Tag nach dem anderen zu leben, einen Moment nach dem anderen zu genießen. Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren, sie anzunehmen, wie Jesus es tat: diese sündige Welt, wie sie ist,

und nicht, wie ich sie gern hätte, zu vertrauen, dass Du alles richtig machen wirst, wenn ich mich Deinem Willen hingebe, so dass ich in diesem Leben ziemlich glücklich sein möge und im nächsten Leben für immer überglücklich.“ Amen.

Haben Sie Fragen oder Anmerkungen? Dann schreiben Sie mir:

Pastor i.R. Harald Bartling

haraldbartling@gmail.com

22 Ansichten

(+44) 1223-356167

4 Shaftesbury Road
Cambridge
CB2 8BW
United Kingdom

©2019 Evangelisch-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland. 
Registered Charity 1135273

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now