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Senkrecht von oben - Gedanken zu einem Bild von Dali - Karfreitag, 10. April 2020


Liebe Schwestern und Brüder,

statt eines Bibeltextes möchte ich heute über ein Bild sprechen. Salvador Dalí hat es 1951 gemalt und ihm den Titel „Christus von Johannes vom Kreuz“ gegeben.

Was sofort auffällt, ist die Perspektive. Eigentlich sind es ja zwei Perspektiven, die da zusammenkommen. Unten eine Seitenansicht: ein See, Berge, vermutlich die Landschaft am See Genezareth, wo Jesus gelebt hat als Jesus von Nazareth. Und darüber Christus am Kreuz, das aber nicht einfach in der Erde steht und nicht nur Teil der Welt ist, sondern übergroß am Himmel hängt, sich ins All hinein verlängert, so als gehörte es zu einer anderen Dimension. Als ob sich an dieser Stelle der Weltgeschichte zwei Ebenen schneiden.

So ähnlich hat das Karl Barth ausgedrückt. Er hat gesagt: Im Kreuz und in der Auferstehung Jesu kommt die Ewigkeit „senkrecht von oben“ in die Zeit hinein. Die Ewigkeit durchkreuzt die Zeit. Und darum ist das, was an dieser Stelle der Weltgeschichte geschieht, nicht nur einmal geschehen, sondern es geschieht ein- für allemal. Es verändert die Welt und das Leben als solches. Es gehört zur Ewigkeit.

Wenn ich mir das Bild anschaue, frage ich mich als erstes: Was sieht dieser Jesus eigentlich von da oben? Aus der Perspektive seines Kreuzes? Aber auch aus der Perspektive des Auferstandenen, der „zur Rechten des Vaters Himmel und Erde regiert,“ wie es im Glaubensbekenntnis heißt? Was sieht er in gerade jetzt in unserer Zeit?

Vermutlich eine Welt, die durcheinandergeraten ist, in der vieles in Frage gestellt ist, was früher als sicher und zuverlässig galt. In der auch der Tod wieder mit einer Gewalt in unser Leben eingreift, die kaum jemand noch für möglich gehalten hätte.

Was sieht er in seiner Kirche, unter den Menschen, die sich auf seinen Namen berufen? Was wird er wohl dazu sagen, dass es da evangelikale Gemeinden gibt, die Corona bekämpfen, indem sie möglichst dicht zusammenkommen, in dem Prediger selbstbewusst ausrufen, dass man hier am sichersten Ort der Welt sei, weil man ja in Gottes Namen zusammengekommen sei? Wo Prediger auf offener Bühne einen Exorzismus am Virus versuchen, Corona oder auch den Teufel mit mächtiger Stimme beschwören auszufahren, und man fragt sich: Wofür hält sich dieser Mann? Hält er sich für Jesus? Selbst Jesus hat nicht versucht, eine Krankheit auszurotten, er hat einzelne Kranke geheilt! Und selbst im finstersten Mittelalter hat die Kirche nicht dazu aufgerufen, sich im Kampf gegen die Pest möglichst dicht zuammenzudrängen, um gemeinsam zu beten.

Allerdings hat man etwas anderes getan: man hat sich zur Buße rufen lassen. Man hat sich gefragt, was Gott wohl den Menschen mit dieser Krankheit sagen wollte. Und nun will ich nicht behaupten, dass Gott uns dieses Virus geschickt hat, um uns auf die Probe zu stellen oder um uns zum Umdenken zu zwingen. Ich glaube aber, dass Gott überhaupt nichts dagegen hat, wenn wir einmal unser Leben grundsätzlich überdenken. Und es kann gerade zu Karfreitag nicht schaden, wenn wir es aus dem Blickwinkel des Kreuzes tun. Allerdings nicht, indem wir wie gebannt auf dieses Kreuz starren und uns in Leidensschilderungen ergehen und den Rest des Evangeliums vergessen.

Ich habe es immer für eine fatale Engführung gehalten, das Leben Jesu nur von seinem Ende her zu verstehen. Er hat auch vorher 30 Jahre auf dieser Erde gelebt, er ist geboren worden, hat als Kind mit anderen Kindern gespielt, hat ein Handwerk gelernt und gearbeitet. Er hat Jünger berufen und ist mit ihnen durch das Land gezogen, hat gegessen und getrunken, gefastet und gefeiert, hat sich über die Schönheit der Natur gefreut und über den Tod eines Freundes geweint. Er hat gepredigt und geheilt und mit anderen um die Wahrheit gestritten. Er hat uns gezeigt, wie menschliches Leben nach Gottes Vorstellung aussehen soll, ein kraftvolles, erfülltes, gesegnetes Leben.

Und dann ist er gestorben und ist vorher durch all die Phasen der Angst und Anfechtung gegangen, die wir auch kennen. Bis zu dem Moment, in dem er sich Gott überlassen hat und sich fallengelassen hat in seine Hände. Das alles war Teil seines Lebens, und es ist Teil unseres eigenen Lebens. Ein exemplarischer Weg bis zuletzt.

Dass da auch noch mehr war, dass da einer für alle gestorben ist, dass Gott in Christus war, darf uns nicht dazu bringen zu vergessen, dass es auch unser Leben ist, das uns da vor Augen geführt wird.

Und das finde wird auf unserem Bild sehr eindrucksvoll dargestellt. Dieser Christus, der da übergroß an den Himmel gehängt ist. So als hätte Gott selbst ein Bild aufgehängt, für alle sichtbar, um zu sagen: schaut euch das an. So ist der Mensch gedacht.

So ist das menschliche Leben. Es ist kein heiles Leben. Der Gerechte wird nicht immer belohnt. Im Gegenteil: wer sich wirklich an Gottes Willen hält, wer konsequent seinen Weg geht, der wird es schwer haben. Der muss sogar im Zweifelsfall sein Leben dafür opfern, um sich selbst und seinem Glauben treu zu bleiben. Die ersten Christen haben das gewusst, sie haben es am eigenen Leib erfahren. Für sie war es tröstlich zu wissen, dass Jesus den gleichen Weg schon vor ihnen gegangen war. In unserer Zeit ist es selten, dass jemand für seinen Glauben stirbt, jedenfalls in unserem Umkreis. In anderen Teilen der Welt gibt es das immer noch, da werden Millionen Christen für ihren Glauben verfolgt, und die Frage ist, ob wir dabei gleichgültig zuschauen oder ob wir ihnen eine Stimme geben.

Aber das Leiden gehört zum Leben dazu, auch Anfechtung, Krankheit, Sterben. Das macht das Bild Jesu am Kreuz deutlich. Es ermahnt uns, nicht den üblichen Weg der Verharmlosung zu gehen. So als müsste alles im Leben glatt gehen und jede Schwierigkeit wie durch ein Wunder gleich aus dem Weg geräumt werden und jedes Gebet so erfüllt werden, wie wir uns das vorgestellt haben. Auch der Glaube bewahrt uns nicht vor Anfechtung, und das Gebet ist keine Notrufsäule, mit der wir Gott herbeizitieren, wenn wir allein nicht weiterkommen.

Daran erinnert uns das Kreuz. Und trotzdem ist es nur eine Seite, die wir hier sehen. Es gibt auch die andere Seite, und die heißt „auferstanden am dritten Tag“. Und wenn es gilt, dass Jesus nicht nur ein Mensch war, sondern der Mensch nach Gottes Bild, dann ist auch seine Auferstehung nicht nur einmal geschehen, sondern ein- für allemal. Dann ist auch die Auferstehung Teil unseres Lebens.

Dann verstehe ich, warum Gott uns dieses Bild vor Augen gemalt hat: damit wir an einer Stelle, in Jesus Christus, erleben, was uns allen bestimmt ist. Dass wir an einer Stelle hindurchsehen durch den undurchdringlichen Vorhang des Todes und sehen, dass dahinter Leben wartet, auch für uns.

Im Tauferer Ahrntal in den Südtiroler Alpen gibt es den Pilgerweg des Franz von Assisi. Da geht man an einem Bergbach an verschiedenen Stationen entlang, und bei jeder Station ist eine Strophe aus dem Sonnengesang dargestellt: das Lob der Sonne, der Erde, des Wassers, des Feuers und des Menschen, jeweils mit einem Symbol dabei. Die letzte Station ist ein Tor. Eigentlich ist es nur ein offener Türrahmen mitten auf dem Wanderweg. Daran steht der letzte Vers des Sonnengesangs: „Gelobt seist du, mein Gott, für unseren Bruder, den leiblichen Tod.“ Das Tor ist sehr niedrig, man muss sich bücken, um dadurch zu gehen. Und wenn man auf der anderen Seite steht und sieht zurück, findet man die Worte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Karfreitag ist nur die eine Seite. Die andere Seite sehen wir zu Ostern. Amen.

Pastor Harald Bartling, haraldbartling@gmail.com

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