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Predigt zum Sonntag Miserikordias Domini, 26. April 2020

„Elia unter dem Wacholder“

Predigt über 1. Könige 19, 1-9

Zum Sonntag Miserikordias Domini, 26. April 2020

Und Ahab sagte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte. Da sandte Isebel Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das tun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du diesen getan hast! Da fürchtete er sich, machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in Juda und ließ seinen Diener dort.

Er aber ging in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug. So nimm denn, Herr, meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter.

Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.

Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, den Horeb.

Und siehe, da kam die Stimme Gottes zu ihm und sprach.

Liebe Schwestern und Brüder!

Resignation: das ist laut Brockhaus „ein Gefühl, das aus der Einsicht entsteht, dass ein angestrebtes Ziel trotz intensiver Bemühungen nicht erreicht werden kann“. Also: wer resigniert hat, der hat sich einmal bemüht, der hat sich für etwas eingesetzt; aber dann hat sich gezeigt, dass die Ziele zu hoch waren und die Kräfte zu klein, und nun ist er ausgebrannt, und es bleibt nur eine innere Leere und Müdigkeit.

Es gibt wohl kaum eine andere Geschichte der Bibel, die das so eindrucksvoll klar macht wie die von Elia unter dem Wacholder. Elia, der eifernde Prophet, der sich sein Leben lang für Gott eingesetzt hat, während sein Volk anderen Göttern nachlief. Am Ende bleibt ihm nur die Flucht, und er geht in die Wüste und setzt er sich unter einen Wacholder und sagt: Herr, es ist genug. „So nimm denn meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ Wer bin ich, dass ich glaubte, die Welt verbessern zu können!

Die meisten von uns kennen solche Phasen, in denen man müde wird. Gerade die vergangenen Wochen haben viele von uns zermürbt. Mancher fragt sich: Wie lange soll das denn noch weitergehen? Wie lange sollen wir das denn noch durchhalten mit der Isolation, dem Kinderhüten, dem beruflichen Stress, mit der ganzen Ungewissheit?

Darf man das? Darf man über seine Last klagen? Vielleicht sogar vor Gott?

Elia jedenfalls behält seine Gefühle nicht für sich. Er beklagt sich bei Gott. Wir finden das ja häufig in den Psalmen, dass der Beter Gott regelrecht anklagt und sagt: Warum hilfst du mir nicht? Siehst du denn nicht, wie es mir geht? Wir empfinden das vielleicht als grobe Unhöflichkeit. Kann man denn so mit Gott reden? Aber offenbar nimmt er uns das nicht übel. Er möchte ja, dass wir ihm alles sagen, auch das, was uns belastet. Jesus hat es im Gleichnis von der bittenden Witwe noch drastischer gesagt: wir sollen Gott in den Ohren liegen und ihn um Hilfe bitten so lange, bis er uns erhört. Das heißt nicht unbedingt, dass er alles tut, was wir von ihm erbitten. Aber dass er uns einen Ausweg zeigt, so dass wir neu beginnen können.

Aber erst einmal endet der Weg für Elia. Er legt sich unter einen Wacholderstrauch in den Schatten und schläft. ---

Elia wird in seinem Schlaf gestört. Ein Engel rührt ihn an und sagt: „Steh auf und iss! Du hast einen weiten Weg vor dir.“

Ich empfinde diese Stelle immer wieder als sehr tröstlich. Da kommt ein Bote Gottes und hat einen wichtigen Auftrag für Elia. Aber er schickt ihn nicht gleich los, sondern gibt ihm erst mal zu essen und zu trinken, Brot und Wasser. Erst einmal muss er sich stärken. Und als er das getan hat, lässt er ihn noch einmal schlafen. Und behütet seinen Schlaf voller Geduld und speist ihn dann noch ein zweites Mal.

Wenn wir mit Menschen zu tun haben, die resigniert sind, haben wir oft den Impuls zu sagen: Nur Mut! Wird schon wieder! Vielleicht sogar: lass dich nicht so hängen! Denk positiv! So, als fehlte nur ein kleiner Anschubser, um sie wieder in Gang zu bringen. Aber die wahrscheinlichste Ursache dafür, dass jemand sich überlastet fühlt, ist doch, dass er überlastet ist. Und das heißt: er oder sie braucht Entlastung. Keine Mahnung, sich zusammenzureißen, sondern Ermutigung, Stärkung! Und es gibt viele schöne und phantasievolle Methoden, mit denen Menschen sich zur Zeit gegenseitig ermutigen. Ich habe gehört, dass manche Nachbarn sich kleine Geschenke vor die Tür stellen, zum Beispiel etwas abgeben von dem, was sie sich gekocht oder eingekauft haben. Musikstars setzen sich ans Klavier oder holen die Gitarre raus und singen für die Öffentlichkeit, und man kann es im Internet abrufen. Man muss sich das mal vorstellen: Paul McCartney und die Rolling Stones singen gratis für alle, und jeder einzeln aus seinem Wohnzimmer!

Ich freue mich immer wieder über Kreativität, mit der so viele und nicht nur Stars den anderen Mut machen, und über das tiefe Gefühl von Mitmenschlichkeit, das darin zum Ausdruck kommt. Man muss aber keine besondere Begabung haben, um sich einzubringen, manchmal reicht auch ein Anruf oder eine E-Mail aus, um Andere zu entlasten und ihnen neuen Mut zu machen. Man braucht nicht unbedingt Flügel, um für andere zum Engel zu werden. ---

Elia findet Ruhe unter dem Wacholder. Er darf essen, trinken und sich erholen. Und dann wird wieder auf den Weg geschickt. Irgendwann geht das Leben weiter, und wenn es gut geht, hat man in der Zwischenzeit Kräfte gesammelt und neue Erfahrungen gemacht, die einem weiterhelfen. „Und Elia stand auf und ging durch die Kraft der Speise 40 Tage und 40 Nächte, bis er zum Berg Gottes kam, dem Horeb.“ Und dort in einer Höhle findet Elia Gott wieder. Er findet ihn nicht im Erdbeben und nicht im Feuer und nicht im Sturm, sondern „im Klang der Stille“, wie es heißt.

Die Ruhephase, die viele von uns gerade erleben, können wir als äußeren Zwang wahrnehmen und uns dagegen wehren, aber wir können sie auch als Gelegenheit nehmen, wieder einmal auf die leisen Stimmen zu hören. Mal wieder Musik zu hören, die wir lieben, ein gutes Buch zu lesen. Auch mal wieder zu beten, in die Bibel zu schauen – für mich ist das immer wieder erstaunlich, wie diese biblischen Geschichten anfangen können zu reden, ganz persönlich zu mir zu sprechen. Zeit auch, um mal wieder das aufzuräumen, was wir an Schuld und an belastenden Erlebnissen in uns tragen, und es Gott zu bekennen. Vielleicht sogar einen Menschen anzurufen, mit dem wir lange nicht gesprochen haben, und Worte zu sagen, die wir schon lange hätten sagen sollen.

Lassen wir uns Zeit, Kräfte zu sammeln und uns zu besinnen, um dann auch mutig weiterzugehen. Denn es ist noch ein weiter Weg.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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