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Predigt zum Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020

„Dem unbekannten Gott“ Apg. 17, 22-34 in Auswahl, zum Sonntag Jubilate

22 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt.23 Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. 28 Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.

29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. 30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun.31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören.

33 So ging Paulus von ihnen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Paulus auf dem Areopag: das ist ein großer Moment in der Geschichte des Christentums. Nun ist das Evangelium also nach Athen gelangt, in die Weltstadt der Kultur und des Geistes, noch dazu auf den Areopag, den zentralen Treffpunkt, auf dem die neuesten philosophischen Gedanken ausgetauscht und diskutiert werden. Allerdings ist der Areopag nicht nur gesellschaftlicher Treffpunkt, er ist gleichzeitig auch Gerichtsplatz, schon Sokrates musste sich hier wegen Gotteslästerung und Verführung der Jugend verantworten. Auch Paulus steht da nicht als geladener Gastredner, sondern weil er sich rechtfertigen soll. Philosophen, so heißt es, Anhänger der Stoa und der Lehre Epikurs haben ihn dahin geführt, weil er mit seinen Predigten Unruhe hervorgerufen hat. Also ein kritischer Moment für Paulus, Sokrates jedenfalls ist für seine Lehre zum Tod verurteilt worden. Aber statt sich zu verteidigen, hält Paulus eine weitere Predigt.

Man muss sich das mal vorstellen! Das ist ungefähr so, als würde sich ein unbekannter Sektenprediger in Cambridge mitten auf den Campus stellen und den versammelten Studenten und Professoren die Welt erklären. Wie würden die wohl reagieren? Wahrscheinlich würden sie sagen: Was hat dieser Schwätzer hier zu suchen, in unserer Hochburg des Wissens? Der soll doch besser in einer Kirche auftreten oder in einem Zelt! So wird man sich auch bei Paulus gefragt haben: Was will dieser Prediger hier? Wofür macht der Werbung?

Immerhin lassen sie ihn zu Worte kommen. „Alle Athener nämlich“, so heißt es kurz vor unserem Predigtabschnitt ein bisschen spöttisch, „haben nichts anderes im Sinn, als etwas Neues zu sagen und zu hören.“ Das ist nicht nur Weltoffenheit, das liegt auch daran, dass die Griechen ihre eigenen religiösen Traditionen weitgehend verloren haben; ihre Götter sind alt geworden. Zeus, der Blitzeschleuderer; Poseidon, Gott des Meeres und der Stürme; Aphrodite, Göttin der Schönheit, alle diese überlieferten Gestalten, die den Olymp bevölkern und im Grunde genommen auch nichts anderes sind als zu groß geratene Menschen, sind unglaubwürdig geworden. Philosophen wie Platon oder Aristoteles haben schon vor Jahrhunderten begonnen, statt von den Göttern von einem Gott zu sprechen, der unsichtbar und unbegreiflich in einem ewigen Reich der Ideen lebt, von dem die sichtbare Welt nur ein vergängliches Abbild ist.

Dieses Gedankengut kann Paulus also zumindest bei den Gebildeten in Athen voraussetzen. Trotzdem sind die alten Götter immer noch Teil der offiziellen Staatsreligion und der griechischen Kultur. Entsprechend ist die Stadt angefüllt mit Tempeln, die man ihnen zu Ehren gebaut hat, und um auch keinen zu vergessen, hat man einen weiteren Altar gebaut und mit der Aufschrift „Dem unbekannten Gott“ versehen. Gemeint ist damit: Falls wir einen Gott übersehen haben, dann soll er uns das nicht übelnehmen, dann ist dieser Altar für ihn bestimmt.

Das ist Paulus bei seinem Spaziergang durch Athen aufgefallen, und daran knüpft er nun mit einem (sicherlich gewollten) Missverständnis an. Denn er deutet diesen Satz „Dem unbekannten Gott“ so, als sollte er bedeuten: Gott ist uns unbekannt. Der wirkliche Gott ist unter diesen ganzen Götterbildern gar nicht zu finden. Über den wissen wir nichts.

Eben da setzt Paulus an und sagt: Über diesen Gott, der euch unbekannt ist, weiß ich etwas. Das klingt ziemlich anmaßend, aber man muss zugeben, es ist ein ausgesprochen geschickter Anknüpfungspunkt. Denn dass Gott uns letztlich unbekannt ist, dass er jedenfalls ganz anders aussieht als all die Bilder, die man von ihm gemacht hat, dieser Aussage werden seine Zuhörer zumindest insgeheim zustimmen. Überraschend und neu ist erst der zweite Gedanke: Dieser unbekannte Gott ist nicht unbekannt geblieben. Er hat sich uns bekannt gemacht. Ich kann euch etwas über ihn sagen.

Ich möchte an dieser Stelle dazu anregen, einmal darüber nachzudenken, was für eine kühne Behauptung Paulus da aufstellt: Gott hat sich den Menschen bekannt gemacht. Das ist eine Kernaussage des Neuen Testamentes, und das ist die Voraussetzung für jede Religion. Das unterscheidet Religion vom Deismus, also von dem Gedanken, dass es zwar so etwas wie einen Gott geben muss, der die Welt geschaffen hat und ihr die Gesetze gegeben hat, nach denen sie funktioniert. Aber mehr kann man über ihn auch nicht sagen, er bleibt für uns der unbekannte Gott. Und darum muss man sich über ihn auch keine Gedanken machen.

Das ist also so etwas wie ein theistischer Restbestand, weil man die Entstehung der Welt nicht ohne einen Schöpfer vorstellen kann. Um das anzunehmen, braucht man allerdings bis heute keinen Glauben, sondern nur ein bisschen gesunden Menschenverstand. Gerade die moderne Physik hat deutlich gemacht, dass ein Universum, das zufällig aus dem Nichts entsteht und dann auch noch von der ersten Sekunde an funktioniert, extrem unwahrscheinlich ist. Genauer gesagt ist die Unwahrscheinlichkeit größer als die Zahl aller Atome im Universum.

Es muss also eine überlegene Schöpfermacht geben oder zumindest gegeben haben, die man Gott nennen kann. Aber die eigentliche Frage ist doch, ob dieser Gott, wie immer er aussieht, überhaupt etwas mit uns zu tun haben will. Ob er also weiterhin in seiner Schöpfung gegenwärtig ist und in sie eingreift, und besonders, ob er am Leben auf diesem einen kleinen Planeten im großen Universum und an uns Menschen interessiert ist. Sollte es so sein, dann können wir ihn aber nicht aus eigenen Kräften finden, sondern dann müsste er sich uns zeigen. Dann müsste er sich offenbaren, damit er für uns ein Gesicht bekommt.

Für Paulus hat Gott das Gesicht eines Menschen angenommen. In dem, was Jesus gelehrt hat und wie gelebt hat, hat sich Gott sich als freundlicher, vergebender und ansprechbarer Gott gezeigt, der an uns interessiert ist und auf Gebete antwortet. Als letzte Bestätigung, sozusagen als Legitimation dieser Botschaft und dieses Boten versteht Paulus die Auferweckung Jesu von den Toten. Und damit hat Gott uns gleichzeitig ein Zeichen dafür gegeben, was wir von ihm zu erwarten habe: Leben nach dem Tod, Leben bei Gott, auch für uns.

Das ist allerdings keine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung mehr, sondern da geht es um Glauben. Wobei Glauben nicht bedeutet: Ich weiß es nicht so genau, aber ich gehe mal davon aus, dass da möglicherweise irgendwo ein höheres Wesen ist, das mich hört und mir vielleicht sogar hilft, wenn ich in Not gerate. Sondern Glauben ist eine lebenslange liebevolle Beziehung, die auf Vertrauen beruht. Dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist, kann man nicht beweisen, aber man kann für sich selbst erfahren, dass es sich lohnt, weil da jemand ist, der meine Gebete hört und mich begleitet.

Die Athener haben Paulus dann übrigens in Frieden ziehen lassen, und wenn ihn auch manche verspotteten, haben sich doch andere von ihm überzeugen lassen und sind Christen geworden. Auf seinen weiteren Reisen durch Griechenland sind dann weitere christliche Gemeinden entstanden, etwa in Ephesus und Korinth, mit denen Paulus auch später noch Kontakt gehalten hat, seine Briefe an diese Gemeinden kann man bis heute nachlesen. Aber Paulus hat nicht nur die Griechen beeinflusst, der Hellenismus hat auch den christlichen Glauben mitgeprägt. So dass nicht nur die Paulusbriefe, sondern auch die Evangelien und die übrigen Schriften des Neuen Testamentes in der Sprache der Philosophen geschrieben sind, auf Griechisch.

Eine Erinnerung daran, dass wir als Christen die Auseinandersetzung mit den Philosophen und Wissenschaftlern unserer Zeit nicht scheuen müssen, sondern das Gespräch mit ihnen suchen sollten, weil beide Seiten davon profitieren können.

Amen.

Haben Sie Fragen oder Anmerkungen? Dann sind Sie herzlich eingeladen, mir zu schreiben:

Pastor i.R. Harald Bartling

haraldbartling@gmail.com


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