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Predigt zum Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020, "Siehe es kommt die Zeit!"

„Siehe, es kommt die Zeit“

Predigt über Jeremia 31,27-28.31-34

Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich das Haus Israel und das Haus Juda besäen will mit Menschen und mit Vieh. 28 Und gleichwie ich über sie gewacht habe, auszureißen und einzureißen, zu verderben und zu zerstören und zu plagen, so will ich über sie wachen, zu bauen und zu pflanzen, spricht der HERR.

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; 33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“

Liebe Schwestern und Brüder,

der Dichter Rainer Maria Rilke kam während seines Aufenthalts in Paris fast täglich an einer Bettlerin vorbei, die dort an der Straße saß. Immer in der gleichen Haltung: die Augen zu Boden gerichtet, die Hand vorgestreckt, so nahm sie Almosen entgegen, ohne jemals aufzublicken oder sich zu bedanken. Rilke Begleiterin gab ihr regelmäßig ein Geldstück, der Dichter selbst gab nie etwas. Als sie ihn darauf ansprach, sagte er: „Wir müssten ihrem Herzen etwas geben, nicht ihrer Hand.“

Am nächsten Tag brachte er eine gerade aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die Hand der Bettlerin und wollte gerade weitergehen, als etwas Unerwartetes geschah. Die Bettlerin blickte auf, erhob sich von der Erde, nahm die Hand des Fremden und küsste sie. Dann ging sie mit ihrer Rose davon. Eine Woche lang blieb sie verschwunden. Danach saß sie wieder an ihrem alten Platz, die Hand ausgestreckt, die Augen gesenkt.

„Aber wovon hat sie denn die ganze Zeit gelebt?“ fragte Rilkes Begleiterin. Der Dichter antwortete: „Von der Rose.“ Wir leben nicht nur von Brot, von dem, was wir schon haben. Manchmal leben wir auch allein von der Hoffnung auf etwas, das wir uns ersehnen oder zurückwünschen. So haben die Propheten des Alten Testamentes ihren Mitmenschen immer wieder Bilder der Hoffnung vor Augen gemalt, die ihnen helfen sollten, schwere Zeiten zu überstehen. Wie eine weiße Rose, die man einer Bettlerin in die Hand legt.

Auch Jeremia spricht in einer schwierigen Zeit, Anfang des 6. Jahrhunderts vor Christus. Das Nordreich Israel ist schon lange vom Feind besetzt, nun ist eine neue Großmacht, die Babylonier, nach Palästina vorgedrungen und droht auch das Südreich Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem zu erobern. Jeremia selbst hat lange davor gewarnt, dem übermächtigen Gegner Widerstand entgegenzusetzen; stattdessen solle man die Babylonier als gottgesandte Strafe akzeptieren dafür, dass man seine Gebote übertreten hat. Am Ende hat man den Propheten zum Volksverräter erklärt und ihn im Hof des Königspalastes in Jerusalem angekettet. Aber dann hat der Feind Jerusalem eingenommen und den König und seine Gefolgschaft in die Gefangenschaft geschickt. Und von diesem Moment an – in der dunkelsten Zeit – hat Jeremia eine neue Botschaft zu verkünden. Nun spricht er nicht mehr vom Gericht Gottes, sondern von Hoffnung.

„Siehe, es kommt die Zeit“, sagt Jeremia. Eine Zeit, in der man das Zerstörte wieder aufbauen wird, in der man wieder pflanzen und säen und in Frieden leben wird. Im Grunde ist es nur das ganz normale Leben, das der Prophet den Menschen vor Augen malt, aber schon das reicht aus, ihnen neue Hoffnung zu geben.

Wir können das wahrscheinlich gut verstehen. Auch wir wünschen uns ja gar nicht mehr, als wieder ganz normal leben zu können, so wie vorher, bevor das Virus unser Leben eingeschränkt hat. Darin liegt sicher auch die Chance, einmal innezuhalten und zur Besinnung zu bekommen. Uns klarzumachen, wie reich und schön unser ganz normales Leben ist, ohne dass es uns ständig bessergehen müsste und ohne dass wir uns ständig neue Wünsche erfüllen müssten. Eine Chance, die Dankbarkeit wiederzuentdecken und damit ein Stück Zufriedenheit in unser Leben zu bringen.

Schon das ist genug. Aber der Prophet geht in unserem Predigtabschnitt noch darüber hinaus. Er spricht von etwas ganz Neuem, einem neuen Bund. Ein Bund ist ein Vertrag auf Gegenseitigkeit, in dem beide Vertragspartner zusagen, bestimmte Verpflichtungen einzuhalten. Einen solchen Bund hat Gott mit Israel am Berg Sinai geschlossen, als er dem Volk die Zehn Gebote gab und sagte: Tut das, so werdet ihr leben.

Diesen alten Bund habt ihr gebrochen, sagt Jeremia, und darum ist euer Land nun vom Feind besetzt. Also beklagt euch nicht, sondern seht ein, dass ihr an eurem Schicksal selbst schuld seid. Und besinnt euch auf das, was richtig und wichtig ist und was Gott von euch erwartet.

Aber dann geht der Prophet noch einen Schritt weiter. Er spricht auch von einer Umbesinnung Gottes. Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass Gott sich umbesinnen und seine Pläne ändern könnte. Aber genau das wird auch an anderen Stellen der Bibel gesagt. Etwa nach der Sintflut, als Gott verspricht, nie wieder alles Leben auf der Erde auszulöschen, um das Böse auszurotten, mit der Begründung: die Menschen sind nun einmal so. Immer wieder übertreten sie die Gebote und schaden damit sich selbst.

Das stellt auch Jeremia fest. Und darum, sagt er, hat Gott nun etwas Neues beschlossen, einen neuen Bund, den er mit den Menschen schließen will. Es wird eine Zeit kommen, in der sie nicht sie sich nicht mehr an äußeren Geboten orientieren müssen, sondern selbst wissen, was gut ist und wie ihr Leben gelingen kann. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz legen und in ihren Sinn schreiben, und es wird keiner den anderen belehren müssen und sagen: Erkenne den Herrn, sondern sie werden mich alle erkennen, spricht der Herr.“

Natürlich ist es kein Zufall, dass wir diese Worte gerade jetzt als Predigttext haben, denn wir verstehen sie als Prophezeiung auf das Kommen des Heiligen Geistes vor zweitausend Jahren in Jerusalem hin. Darüber werden wir zu Pfingsten nachdenken. Für mich steckt in diesen Worten aber auch noch ein anderer, grundsätzlicher Gedanke, der mir gerade in dieser Zeit wichtig erscheint.

Ich will mein Gesetz in ihr Herz legen, sagt Jeremia. Das, was den Menschen als äußeres Gesetz gegeben war, soll nun in ihr Inneres gelangen. Sie sollen es verinnerlichen. Das ist ein wichtiger Gedanke der in der Pädagogik. Psychologen sprechen da von Internalisierung. Gemeint ist: Solange wir Kinder sind, sind wir auf die Gebote und Verbote der Eltern und Lehrer angewiesen. Wir brauchen äußere Anleitung, um nicht zu Schaden zu kommen oder auf den falschen Weg zu geraten. Aber je älter wir werden, desto mehr Selbständigkeit kann man uns zutrauen. Erwachsen sind wir dann, wenn wir keine äußere Anleitung mehr brauchen, eben weil wir die Gebote der Eltern internalisiert, verinnerlicht haben. Wir tragen unsere Eltern in uns.

Insofern ist das Christentum eine sehr erwachsene Religion, weil es dem Glaubenden kein äußeres Gesetz auferlegt, keine Speisegebote, keine festen Gebetszeiten. Uns wird zugetraut, selbst darüber zu entscheiden, wie wir leben wollen. Voraussetzung ist allerdings, dass wir aus dem Glauben heraus leben, der uns wie ein innerer Kompass den richtigen Weg weist.

Die Pandemie, die wir gerade weltweit erleben, hat uns einen großen Teil unserer gewohnten Freiheit genommen. Fast ist es, als würden wir wieder zu Kindern gemacht, denen man genau vorschreibt, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Keine Reisefreiheit, keine Kontakte über die Familie hinaus, für viele kein Zugang zur Arbeitsstelle. Man kann dagegen aufbegehren, wie es bei uns in Deutschland inzwischen viele tun, die sich dabei auf das Grundgesetz berufen und ihre Persönlichkeitsrechte einfordern. Die meisten allerdings sehen ein, dass diese Maßnahmen notwendig sind. Sie halten sich freiwillig an die Einschränkung ihrer Erwachsenenrechte und erweisen sich gerade dadurch als die Erwachseneren.

Ein merkwürdiger Gedanke, aber es liegt auch ein Stück Wegweisung darin. Eine Anregung, einmal über unsere Grenzen nachzudenken, über die vorgegebenen Grenzen und über die, die wir uns selbst auferlegen. Die Grenzen, die wir zur Zeit erleben, sind uns von außen auferlegt; wir befolgen sie, wie Schiller sagt, „der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb.“ Aber viele beginnen nun, sich Gedanken darüber zu machen, ob man aus dieser eingeschränkten Zeit nicht auch etwas lernen kann. Sie betrachten den schönen blauen Himmel, der im Moment ganz ohne Kondensstreifen bleibt, und fragen sich, ob wir eigentlich wirklich diese ständigen weiten Flüge unternehmen müssen oder ob es nicht doch auch andere Reisemöglichkeiten gibt, die die Umwelt weniger belasten. Viele haben angefangen, sich Gedanken über ihre Ernährungsgewohnheiten zu machen, nachdem sich herausgestellt hat, dass das Coronavirus vermutlich durch den Verzehr von Tierfleisch auf den Menschen übertragen worden ist. Und nachdem man die Pflegekräfte in den Krankenhäusern und Altenheimen als Helden gefeiert hat, beginnt man allmählich darüber nachzudenken, ob man sie für ihren heldenhaften Dienst nicht doch auch angemessen bezahlen müsste.

So hat uns diese Krise viele dazu angeregt, ihr Leben zu überdenken und nach neuen Wegen zu suchen. Und das ist gut so, denn Gesetze und äußerer Zwang führen nur selten zu dauerhaften Veränderungen. Zwang provoziert nur Widerstand, und Gesetze laden dazu ein, sie zu übertreten. Etwas anderes ist es, wenn wir die Gesetze unseres Verhaltens in uns selbst finden und nicht aus Zwang, sondern aus innerer Überzeugung handeln. Wenn also, wie Jeremia es ausdrückt, das Gesetz des Handelns „in unser Herz gegeben und in unseren Sinn geschrieben“ ist. Erst dann gibt es Hoffnung auf langfristige Veränderung der Welt. Sie kann es brauchen.

Ist das nun schon dasselbe wie Heiliger Geist? Sicher nicht, aber er ist auch nicht ganz davon zu trennen. Schließlich ist uns ja auch unser menschlicher Geist von Gott gegeben, vermutlich, damit wir ihn benutzen. Karl Barth hat es einmal in die schönen Worte gefasst: „Der Heilige Geist ist ein intimer Freund des gesunden Menschenverstandes“. Als Christen sollten wir die beiden Freunde nicht trennen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft – aber nicht gegen die Vernunft – bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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