Suche
  • AS

Predigt zum Palmsonntag - 5. April 2020

„Und führen, wo du nicht hinwillst“

Johannes 21, 15-18

Predigt zum Palmsonntag, 5.4.20

Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.

Liebe Schwestern und Brüder,

ein merkwürdiger Abschnitt aus dem letzten Kapitel des Johannesevangeliums. Da ist Jesus den Jüngern noch einmal als Auferstandener erschienen, am See Tiberias, besser bekannt als See Genezareth; er hat Brot und Fisch mit ihnen geteilt, und dann folgt ein Vieraugengespräch mit Simon Petrus. Eine Berufung zum Hirten der Gemeinde: „Weide meine Schafe, weide meine Lämmer!“ Dreimal sagt Jesus das, und dreimal verbindet er es mit einer Frage: „Hast du mich lieb?“ So dass Petrus am Ende ganz verunsichert ist, weil Jesus offenbar an ihm zweifelt; dabei ist es doch ganz klar, dass er Jesus liebt, dass auf ihn auch Verlass ist, dass er natürlich ein guter Hirte sein wird für die Gemeinde! Ohne zu merken, dass Jesus nicht zufällig gleich dreimal fragt, denn genauso oft hat Petrus ihn ja vorher verleugnet. Ein dezenter Hinweis, doch einmal über sich selbst nachzudenken und darüber, ob die eigenen Kräfte denn wirklich so groß sind, wie er glaubt.

Und dann folgt eine Weissagung: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“

Diese Worte sind mir in den vergangenen Tagen mehrfach eingefallen und haben mich merkwürdig bewegt. Auch wir haben ja lange Zeit in dieser trügerischen Annahme gelebt, Herren unseres Lebens zu sein und nach allen Seiten abgesichert für die Zukunft. Und dann kommt ein Virus, so klein und primitiv, dass es nicht einmal aus eigenen Kräften leben kann, und entmachtet die Mächtigen und bestimmt über uns. Und plötzlich steht alles still, die Wirtschaft, der Verkehr, unser Privatleben. Auf einmal sind wir in enge Grenzen gesperrt und müssen mit uns selbst fertig werden. Und man reibt sich die Augen und sagt: So etwas gab es ja noch nie!

Aber das stimmt nicht. Wir haben so etwas nur nicht selbst erlebt, eine globale Krise. Jedenfalls nicht, wenn wir nicht mindestens 75 Jahre alt sind. Aber natürlich hat es das in der Menschheitsgeschichte immer wieder gegeben, sogar in schlimmerer Form. Meine Generation ist die erste in West- und Mitteleuropa, die keinen einzigen Krieg erlebt hat, aber meine Großeltern hatten gleich mit zwei Weltkriegen zu tun und mit der Spanischen Grippe, die aber angesichts des Schreckens des Ersten Weltkriegs kaum in Erinnerung blieb. Wenn man zurückblickt in der Geschichte, dann gab es kein einziges Jahrhundert ohne Kriege und Seuchen. Und nun werden wir gewaltsam daran erinnert: Wir mögen uns als Herren der Welt fühlen, Herren unseres eigenen Lebens sind wir dadurch noch nicht. Wir haben ein Schicksal, dass uns gürtet und manchmal dahin führt, wo wir gar nicht hinwollten.

Allerdings hat es auch in all diesen Krisenzeiten Menschen geben, die nicht von Schicksal gesprochen haben, sondern von Führung. Die also geglaubt haben, dass nichts zufällig passiert, sondern dass dahinter Gott steht und dass er uns führt und dass darum alles, was wir erleben, seinen Sinn hat und auf ein Ziel zugeht. In diesem Glauben haben Menschen Trost gefunden. Dieser Glaube zieht sich durch die ganze Bibel, durch die ganze Geschichte Israels, das ja auch als erwähltes Volk nicht auf der Sonnenseite gelebt hat, sondern immer wieder unter Krieg und Verfolgung gelitten hat. Davon handeln die Bücher der Propheten und die vielen Klagepsalmen, die man im Alten Testament findet. Die Briefe des Neuen Testamentes sind ein beredtes Zeugnis der Verfolgung, der die ersten Christen ausgesetzt waren. In all dieser Zeit haben Menschen an ihrem Glauben festgehalten und haben ihn weitergegeben. Und wenn wir diese Texte lesen oder in der Predigt hören, dann müssen wir uns diesen Hintergrund klar machen, um besser zu verstehen. Auch um die Lieder im Gesangbuch wiederzuentdecken und etwas von der Tiefe zu spüren. Etwa in den Liedern Paul Gerhardts, der in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gelebt hat und schreiben konnte:

„Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder,

nun aber steh ich, bin munter und fröhlich,

schaue den Himmel mit meinem Gesicht.“

Oder in den Liedern Jochen Kleppers, der unter den Nazis sein Leben verlor, und der doch in einem unserer eindrucksvollsten Gesangbuchlieder dichten konnte:

„Ja, ich will euch tragen bis ins Alter hin

und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“

Vielleicht hilft uns die Corona-Zeit, etwas von der Kraft dieser Worte wiederzuentdecken und sie für uns zu nutzen. Etwa indem wir die Psalmen lesen, in denen es immer wieder um Angst und Vertrauen geht. Oder für uns selbst mal eins dieser kraftvollen Lieder singen; wenn es schon keinen Gottesdienst gibt, dann kann man es auch für sich allein singen oder in der Familie. In Deutschland stellen sich manche auf den Balkon und singen gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen,“ das ist nun noch kein christliches Bekenntnislied, aber es geht doch um Gottvertrauen und um den kranken Nachbarn. So könnten diese schwierige Zeit trotz allem eine segensreiche Zeit sein, wenn wir sie dazu nutzen, uns zu besinnen und wieder an die Wurzeln unseres Glaubens zu rühren. Das würde ja zur auch Passionszeit gut passen, in der wir gerade leben.

Manchmal denke ich in dieser Zeit der Isolation an Dietrich Bonhoeffer in seiner Gefängniszelle. Bonhoeffer, der ja ein ungeheuer aktiver Mann war, einer der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche, gleichzeitig aktiv in der Ökumene, im Weltrat der Kirchen, der ja auch eine Zeitlang in London lebte und gegen den Rat seiner Freunde nach Deutschland zurückgekehrt ist, wo er im Widerstand mitarbeitete. Und der dann von einem Moment zum anderen in eine Gefängniszelle gezwängt ist, auf wenigen Quadratmetern. Sich unmäßig nach Freiheit sehnt, der wieder die Sonne auf den Schultern spüren möchte.

Aber in dieser Enge entwickelt Bonhoeffer eine ungeheure Weite des Denkens. Er schreibt Briefe an seinen Freund Eberhard Bethge, die dann aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt werden durch einen Wärter, den er als Mensch überzeugt hat. Er betet durch die Gefängnismauer hindurchmit einem Mitgefangenen, der am nächsten Tag hingerichtet werden soll; wir wissen das es, weil sein Wärter davon so beeindruckt ist, dass er es aufschreibt : „In mir ist es dunkel, aber in dir ist Licht“, mancher wird es kennen. Er schreibt am Silvesterabend 1944 ein Gedicht, das dann zum Lied wird:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag.“

In seinen Briefen entsteht eine ganz neue Theologie, die nach dem Krieg das Denken von Christen in der ganzen Welt geprägt hat. Schließlich wird er hingerichtet und bleibt doch lebendiger als viele andere Theologen, die den Krieg überlebt haben.

Bonhoeffers Briefe aus dem Gefängnis sind unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht worden, und darum geht es. Es gibt eine Zeit, in der wir aktiv sein sollen und uns nach besten Kräften für eine bessere Welt einsetzen, und es gibt eine Zeit der Ergebung, wo wir still werden und aus der Stille lernen sollen.

Bonhoeffer hat diese Erfahrung so beschrieben:

„Wunderbare Verwandlung.

Die starken, tätigen Hände sind dir gebunden.

Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende deiner Tat.

Doch atmest du auf und legst das Rechte

still und getrost in stärkere Hand

und gibst dich zufrieden.

Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,

dann übergabst du sie Gott,

damit er sie herrlich vollende.“

Amen.

0 Ansichten

(+44) 1223-356167

4 Shaftesbury Road
Cambridge
CB2 8BW
United Kingdom

©2019 Evangelisch-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland. 
Registered Charity 1135273

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now