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Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 2020

“FÜRCHTE DICH NICHT, DENN ICH HABE DICH ERLÖST; ICH HABE DICH BEI DEINEM NAMEN GERUFEN; DU BIST MEIN!"

Noch einmal: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Bestimmt ist es gut, noch genauer hinzuhorchen und jeden Teil dieses Ausspruchs / Anspruchs auszukosten. Also noch einmal, langsam und ganz bewußt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Lass dich beim Nachsinnen dieser Worte von deinen Gedanken und Gefühlen leiten, von deinen Erinnerungen und Erfahrungen, wenn dir gesagt wird keine Furcht zu haben, keine Angst in diesen Tagen und dass dir Erlösung zugesprochen wird.

Du bist angesprochen mit deinem Namen.

Wie ist das, deinen Namen zu hören? Du bist erkannt, nicht ein Niemand und nicht bedeutungslos. Du gehörst - „Du bist mein!“ – „So spricht der Herr, der dich geschaffen hat und dich gemacht hat.“

Soweit unser Wochenspruch nach Jesaja 43, 1. Er findet seinen Widerhall im Wochenpsalm 139, 1-12:

HERR, Du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wissest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so muß die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht.


Dies ist die Sprache der Liebe, des Trostes, des Vertrauens und der Verbundenheit wie in diesem Bild....



Es ist die Sprache der Bundes des Gottesvolkes seit Abraham und Moses, erneuert in Jesus und bezeugt in der Taufe.


Martin Luther soll in Not und Anfechtung auf sein Schreibpult geschrieben haben: „Ich bin getauft“.

Das hat ihm wieder Trost und Mut gegeben.

Der heutige Sonntag, der 6. nach Trinitatis, steht ganz im Zeichen der Taufe und der Evangeliumstext nach Matthäus 28, 16-20 wie auch Paulus im Römerbrief 6, 3-11 laden ein, uns an die Taufe zu erinnern - Ich nehme eine Schale mit Wasser und zünde eine Kerze an. Mit dem Wasser male ich mir ein Kreuz auf die Handfläche und sage mir: „Ich bin getauft!“ Was macht das mit mir? Wie fühlt sich das Wasser an? Mit der Taufe kommt Licht in mein Leben – Was bedeutet das für mich?

Wenn du möchtest kannst du auch in unser Wochenlied mit einstimmen: Ich bin getauft auf deinen Namen (EG 200). YouTube: https://youtu.be/o3cRtt86NPA

Die Taufe ist das Sakrament des Bundes wie die Beschneidung seit den Tagen Abrahams. Durch die Taufe sind wir auf Christus Jesus hin beschnitten, ihm gehörig, Kinder Abrahams und Volk des ewigen Bundes. „Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott, Dich hat der HERR, dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.“ (Deut 7, 6).

Im Predigttext aus dem Buch Deuteronomium 7, 6-12 dreht sich alles um den Bund des einen Gottes, um Zugehörigkeit, Liebe, Vertrauen und Erlösung:

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott, Dich hat der HERR, dein Gott erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, darum daß euer mehr wäre als alle Völker, denn du bist das kleinste unter allen Völkern; sondern darum, daß er euch geliebt hat und daß er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat, hat er euch ausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst vom Hause des Dienstes, aus der Hand Pharaos, des Königs in Ägypten. So sollst du nun wissen, daß der HERR, dein Gott, ein Gott ist, ein treuer Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, in tausend Glieder, und vergilt denen, die ihn hassen, ins Angesicht, daß er sie umbringe, und säumt sie nicht, daß er denen vergelte ins Angesicht, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, daß du darnach tust. Und wenn ihr diese Rede hört und haltet sie und darnach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, die er deinen Vätern geschworen hat, und wird dich lieben und segnen.

Die gesamte Heilsgeschichte des Volkes Israel wird in diesen sechs Versen widergespiegelt: die Berufung Abrahams und Moses, die Erlösung aus dem Sklavenhaus Ägyptens, die Offenbarung der Gebote Gottes und das gegenseitige Treueversprechen auf den Bund und die Barmherzigkeit Gottes. Dies ist der Segen unter dem das Volk Gottes steht und den jede/r Getaufte im Namen des Kreuzes empfängt.

Befremdend, jedoch, sind die Worte von Haß und Vergeltung, die man eher mit Radikalismus und dem Negativen von Religion verbindet. Man mag auch geneigt sein, wie es oft gemacht wurde, den Gott des Zornes im Alten Testament von Jesus Christus, dem Gott des Neuen Bundes und der Liebe und Barmherzigkeit klar zu unterscheiden.

Sicherlich wollen wir uns von göttlich sanktionierten Feldzügen oder sonstigen Gewaltakten distanzieren, die in Deuteronomium 7 zur Sprache kommen. Aber solch einer Vereinfachung unterliegen tiefe Mißverständnisse, die unter anderem auch zu Antisemitismus mit verheerenden Folgen in den christlichen Kirchen geführt haben. Jesus war Jude und der Gott Christi ist kein anderer als der Gott Abrahams. Jesus ist nicht gekommen das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen. Deshalb nennen wir ihn den Christus!

Das Buch Deuteronomium verwehrt es uns, den Gott des Alten Testments, oder besser: der Hebräischen Bibel, einfach als zornig und rachsüchtig zu begreifen. Die Tiefe und Tragweite des heutigen Abschnitts wird erst ersichtlich, wenn man ihn im geschichtlichen Zusammenhang erfaßt.

Zunächst einmal sind Zorn und Liebe keine Gegensätze, sondern Polaritäten, die aufeinander bezogen sind. Das weiß jeder, der einmal Eifersucht erfahren hat, die um die Treue und Liebe des Partners ringt. Oder wenn Eltern sich schützend um ihre Kinder einsetzen und Gefahren abwehren. Wie gesagt, es geht nicht um die Rechtfertigung von Gewalttaten, sondern vielmehr um das Verstehen von einer Liebesbeziehung. „Das Gegenteil von Liebe ist nicht der Haß, sondern die Gleichgültigkeit“, hat Elie Wiesel einmal gesagt. Der Gott des Bundes ist nicht gleichgültig, sondern engagiert. Der Gott Israels wird hier in sehr menschlichen Zügen geschildert. Denn nur so haben wir Zugang zu diesem Gott: ein Gott, der sich um das kleinste aller Völker kümmert; einer, der auf der Seite der Schwachen steht und sich dem Außenseiter zuwendet. Bis zum heutigen Tag ist das Judentum die kleinste aller Weltreligionen. Die Botschaft: Gott macht sich breit für die Unscheinbare und verspricht ihr Heil um den Preis des Glaubens. So auch in der Taufe: der/die Kleine, Unscheinbare trägt die königlichen Insignien der heiligen Öle und den Königstitel – ‚Christ/in‘ mit dem Auftrag, ein Zeugnis zu sein: „Ich bin getauft!“

Was ist nun der ‚Sitz im Leben‘ von Deuteronomium 7, 6-12?

Dieses 5. Buch Moses steht auf der Schwelle: einerseits ist es eindeutig Teil des Gesetzes, der Torah mit vielen zentralen und bekannten Gebeten und Geboten wie dem Shema Israel – „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, unsern Gott, lieben …“ (Deut 6,4-9), das auch Jesus zitierte und täglich rezitierte. Andererseits ist es eine Reflexion der Umstände in Juda um 622 v. Chr., der Zeit einer umfassenden Liturgiereform unter König Josiah. Diese Reform war selbst wiederum ein Reaktion auf die großpolitischen Zusammenhänge und der Bedrohung von Assur, welches das Nordreich Israel schon längst annexiert und dessen Bevölkerung exiliert hatte. Der Reststaat Juda bangte nun um seine Existenz. Die Liturgiereform hatte zum Ziel, das Selbstbewußtsein und Gottesvertrauen der damaligen Juden zu stärken indem sie den Tempelgottesdienst in Jerusalem forcierte, sich auf die Alleinherrschaft des Gottes Israels vereidigte und jegliche Form von Götzenverehrung, die mit Assur einherging, unter Strafe setzte.

35 Jahre später ereignete sich dann die Katastrophe, nicht durch Assur sondern Babylon. 587 v. Chr. zeichnete das Ende des Königreichs Israels, und es erholte sich nicht mehr davon, absehen von der kurzen Makkabäerzeit, bis zur Unabhängigkeitserklärung des Neustaates Israel 1948.

Der Deuteronomist erinnert sich nun an die Geschichten Abrahams und Moses: Abraham wurde die Offenbarung vom verheißenen Land zwar zuteil, er hat es wohl gesehen und darin verweilt, aber als Besitz konnte er nur eine Grabstätte für seine Frau Sarah erwerben. Moses hatte zwar mit Erfolg die Israeliten aus der Gefangenschaft befreit und durch die Wüste geführt bishin zu Moab, dem Grenzgebiet von Israel, aber selbst betreten hat er es nie; das war seinem Nachfolger Josua vorbehalten. Das Buch Deuteronomium endet mit dem Tod und Begräbnis Moses und steht damit auf der Schwelle von Verheißung und Erlösung.

Wäre nun der Bund zwischen Gott und Israel abhängig vom tatsächlichen Landesbesitz, so wäre das Judentum mit der Exilierung zu Ende gekommen und das Christentum hätte es nie gegeben, zumindest nicht so wie wir es kennen. Aber dazu ist es nicht gekommen!

Nicht der eigentliche Landbesitz im physischen Sinn beschreibt den Bund Gottes, sondern die Loyalität dem Gesetz, der Torah gegenüber. Darum schließt der Deuteronomist die Torah auch mit Moses und nicht mit Josua! Die Torah ist ein Synonym für die Fünf Bücher Moses!

So ist auch die Taufe ein Sakrament der Schwelle von Leben und Tod, von Verheißung und Erlösung, dem Jetzt-Schon und Noch-Nicht, der Anfang der Gefolgschaft Jesu: mit der Taufe treten wir in das Christenleben ein und erwarten getrost seine Wiederkunft. Jesus spricht in vielen Parabeln vom Kommen des Himmelreichs, des Königreichs Gottes, womit das ewige Israel gemeint ist. Auch in seinen Parabeln geht es nicht um Landbesitz, sondern um den Glauben, unserer Liebe zu Gott „mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele“, so daß auch in uns, wie mit Jesus, die Torah Fleisch annimmt.

So dürfen wir, die wir „auf den Tod Jesu getauft sind“ glauben, daß Gott mit uns ist in guten und bösen Zeiten, wie wir es während dieser Pandemie auch erleben. Ich möchte schließen mit Dietrich Bonhoeffer:

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. Noch will das alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast. Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand. Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz. Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang. Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


Dietrich Bonhoeffer, Von guten Mächten, in seinem Brief an Maria von Wedemeyer aus dem Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, Prinz-Albrecht-Straße, 19. Dezember 1944. Erstmals veröffentlicht 1951 in: Eberhard Bethge (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.

https://youtu.be/aN7dGz6NH5M

“FÜRCHTE DICH NICHT, DENN ICH HABE DICH ERLÖST; ICH HABE DICH BEI DEINEM NAMEN GERUFEN; DU BIST MEIN!"


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