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Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis - 16. August 2020

Predigt – 10. Sonntag nach Trinitatis

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch!

Die heutige Predigttext findet sich im 11. Kapitel des Römerbriefes:

25 Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Liebe Gemeinde!

Das ist wieder so ein Text des Apostels Paulus, der einem Kopfzerbrechen bereitet und den man als schwer verdauliche Kost am liebsten wieder beiseite legt. Dabei ist es ein wichtiger Text, wenn es um das zu Zeiten schwierige und spannungsgeladene Verhältnis zwischen Juden und Christen geht.

Wir Christen sind aus dem Judentum hervorgegangen. Unsere jüdischen Wurzeln sind offensichtlich. Jesus war ein Jude. Die Apostel waren Juden. Paulus war auch einer. Die Vorstellung, dass Gott seinen Gesalbten schickt (das hebräische Wort dafür ist Messias, das griechische Christus) - sie entstammt der jüdischen Heilserwartung. Wir lesen das heilige Buch der Juden, die hebräische Bibel, die wir als Altes oder Erstes Testament verehren. Seine Botschaft deuten wir auf Jesus Christus hin.

Wir benutzen hebräische Wörter, wie Amen (so ist es), Halleluja (gelobt sei Gott) oder Hosianna (Hilf doch). Wir feiern Taufe und Abendmahl, heilige Zeichen, die ihren Ursprung in jüdischen Ritualen haben. Und wir beenden den Gottesdienst mit dem Aaronitischen Segen, den auch die Juden sprechen.

Bei soviel Gemeinsamkeiten wundert man sich, warum das Verhältnis von Juden und Christen seit zwei Jahrtausenden so belastet ist.

Leider hat Paulus seinen Anteil daran. Er konnte damals einfach nicht verstehen, dass die meisten Juden nicht wie er selbst zu Christen wurden. Ausgerechnet das Volk, dass Gott sich auserwählt hat, das er nach wie vor liebt, ausgerechnet da glaubt ein Großteil nicht an Jesus. Wie ist das möglich? Das treibt ihn um. Ganze drei Kapitel schlägt sich Paulus im Römerbrief mit dieser Frage herum. Paulus ist das ein Herzensanliegen.

Er weiss, dass Gott sein Volk Israel erwählt hat, dass er mit ihm Geschichte geschrieben hat und auch noch schreibt. Das Alte Testament ist voll davon. Und auch im Neuen Testament sind die ersten, die an Jesus glauben und Missionare sind, Juden. Da wird deutlich, dass das Christentum im Judentum verwurzelt ist. Das vergessen viele leicht und das ist auch in der Geschichte der Kirche lange Zeit vernachlässigt worden. Der Israelsonntag heute macht uns das auf’s Neue bewusst.

Wer jetzt meint, darauf gibt Paulus nun eine schlüssige, logische Antwort, der wird in unserem Briefabschnitt enttäuscht. Das ist nicht der Fall. Paulus stellt einfach eine These in den Raum.

Gott hat das so gewollt! Sein Plan ist folgender: Das Volk Israel nimmt Jesus zum Teil nicht an. Daraufhin wird den Heiden die gute Nachricht von Jesus erzählt, also den anderen Völkern in aller Welt, damit die zum Glauben kommen. Und wenn das bis in die letzte Ecke der Welt geschehen ist, dann geht es wieder zurück nach Israel und sein altes erwähltes Volk kommt komplett zum Glauben.

Das eine, was Paulus sagt, ist tatsächlich passiert. Missionare und nicht wenige sind aus dem Judentum aufgebrochen in die weite Welt und haben das Christentum verbreitet. Das andere, der zweite Teil, ist noch Zukunftsmusik. Man kann darüber jetzt den Kopf schütteln, kontrovers darüber diskutieren, sich gar aufregen. Aber das hilft nicht weiter.

Nach biblischem Verständnis ist das einfach so. So schreibt Gott Heilsgeschichte. Entweder glaubt man das oder auch nicht. Jetzt kann man sich fragen: Ja, das mag ja gerade am Israelsonntag schön und richtig sein. Aber was hat das denn mit uns heute bitteschön persönlich zu tun? Das sind doch echt nicht unsere Alltagssorgen und -probleme, was Paulus so kompliziert heilsgeschichtlich in seinem Text uns da rüberbringen möchte. Man könnte jetzt dazu sagen: Naja, der Bibeltext ist immerhin aktuell. Das Land Israel, kaum größer als das Bundesland Hessen, aus dem ich komme, ist dauernd in den Medien und hat Weltbedeutung. Es vergeht kaum ein Tag, wo man nicht über Israel und die Palästinenser berichtet.

Es gibt ein Problem, das in unserem Briefabschnitt eine Rolle spielt. Der Brief ist an die Christengemeinde in Rom geschrieben. Vermutlich bestand diese Gemeinde sowohl aus ehemaligen Juden als auch aus ehemaligen anderen Andersgläubigen, eben Heiden. Beiden Gruppen war gemeinsam, dass sie an Jesus glaubten. Die einen kamen direkt aus dem Judentum. Die anderen kamen aus den verschiedensten Völkern der Welt - was sich in Rom halt so alles angesammelt hatte.

Und man kann sich vielleicht vorstellen, das ging nicht ohne Reibungsverluste ab. Da hatte man so seine Schwierigkeiten miteinander auszukommen. Das kennen wir im Kleinen vor Ort auch, wenn Gruppen untereinander manchmal nicht so können. Das war damals, zu Zeiten des Paulus nicht wesentlich anders. Kurz vorher warnt er die Heidenchristen vor Überheblichkeit und sagt ihnen: Seid doch nicht so arrogant und stellt euch über den anderen. Meint nicht, ihr seid was Besonderes und Besseres als die anderen. Ja, und meint bloß nicht, ihr habt Gottes Volk Israel abgelöst und seid das eigentliche Volk. Meint bloß nicht: Wir sind Kirche und die anderen mögen ja noch so viele tolle Vorzüge von früher haben, aber zu denen hält Gott nicht mehr.

Mit diesem Problem schlägt sich Paulus herum, vielleicht sogar am meisten. Und das Problem ist nicht nur historisch - als was von damals. Nein, das ist etwas, das uns auch noch heute betrifft. Das kennen wir doch auch. Geben wir doch zu, das gestehen wir uns nicht immer ehrlich ein. Da sagen wir uns vielleicht: Da stehen wir drüber. Da zeigen wir Größe und können uns mitfreuen, wenn jemand großen Erfolg hat und manche großen Vorzüge geniesst. Das ist aber leider nicht immer so. Merken Sie manchmal, wie das Ihnen einen Stich versetzt, wenn der andere verflixt nochmal so viel besser ist und so richtig gut ankommt? Mir geht das zumindest manchmal so. Das kann ganz schön an einem nagen und kann uns auch mal neidisch machen. Man läuft dann Gefahr, den anderen schlecht zu reden. Da zieht man Vergleiche und sieht sich in Konkurrenz mit dem anderen und versucht, ihn auszuspielen.

Für mich ist daher der Schlussvers des heutigen Predigttextes das Entscheidende, was wir für uns mitnehmen können. Da schreibt der Apostel: ‚Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.‘ Ganz einfach gesagt: Da ist keiner besser als der andere. Da hat keiner mehr die blütenreine Weste. Aber Gott wendet sich jedem in Liebe zu. Er gibt jedem die Chance umzukehren und zu glauben. Da kommt keiner zur kurz! Da kommt jeder mal dran!

Das, finde ich, ist die entscheidende „Message“ für diesen Sonntag. Wir stehen eben nicht aussen vor. Wir dürfen uns von Gott geliebt wissen. Wir dürfen darauf vertrauen: Ich bin angenommen. Ich gehöre zu ihm, zu seinem Volk. Da bin ich verbunden mit seinem Volk, mit Israel und seiner Kirche. Das macht uns der Israelsonntag auch klar! Daraus hören wir Gottes großes, weites Herz sprechen, dass er sich allen im Namen Jesu zuwendet.

Und indem wir uns von Gott geliebt wissen, sind wir vielleicht etwas unabhängiger und freier von diesen ewigen falschen Vergleichen und Konkurrenzkämpfen. Da haben wir es vielleicht nicht nötig, uns über den anderen zu stellen oder seine vermeintlichen Vorzüge, dass er vielleicht besser dasteht, ihm zu missgönnen und darauf voller Neid zu schielen. Da können wir uns tatsächlich mitfreuen an dem anderen, ja an Gott selbst, weil er keinen von sich aus ausschließt, sondern jedem offen und in Liebe begegnet.

Das ist der wunderbare Grund für ein gutes Miteinander, mit Gottes Volk Israel, mit seiner Kirche, mit all den Menschen, groß und klein, die uns tagtäglich begegnen. Das können wir mit in unseren Alltag nehmen, und wir können uns die Schlussworte des Apostels echt zu Herzen nehmen: ‚Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. ‘

Amen


Kerstin Wolf

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