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Predigt zum 1. Sonntag nach Ostern - 19. April 2020

Der Fremde am Ufer

Joh.21,1-12

1. Sonntag nach Ostern

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so:2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.

3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt im Neuen Testament eine Fülle unterschiedlicher Ostergeschichten, die eines gemeinsam haben: Sie handeln von Menschen, die dem Auferstandenen begegnet sind und deren Leben dadurch grundlegend verändert wurde. Darum geht es auch in unserem heutigen Predigtabschnitt.

Die Geschichte spielt am See Tiberias, besser bekannt als der See Genezareth in Galiläa. Dort sind die Jünger aufgewachsen, dort sind sie wie schon ihre Väter und Großväter Fischer geworden. Das war für sie Heimat, solange bis Jesus sie von einem Moment auf den anderen von den Netzen weggerufen und sie zu Menschenfischern gemacht hat. Mit einem Wanderprediger herumzuziehen, auf Gastfreundschaft angewiesen zu sein, Erschreckendes zu erleben und Wunder – das ist normalerweise nicht vorgesehen, wenn man am Ufer des Sees Genezareth geboren ist. Und es ist auch eine Episode geblieben, die tragisch endete. „Ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen“, dieses Prophetenwort beschreibt eindrucksvoll die Situation der Jünger, die nicht wissen, wie es ohne ihren Rabbi weitergeht.

Und darum tun sie etwas völlig Normales: sie versuchen dort anzuknüpfen, wo sie ihr altes Leben aufgegeben haben. Sie kehren zurück an ihren See. Und als Petrus ihnen vorschlägt, fischen zu gehen, sind sie sofort dabei. Das kennen sie, das ist Routine und gibt ihnen Sicherheit. Auch dass ihre Netze in dieser Nacht leer geblieben sind, ändert nichts an ihrem Entschluss, die ganze Geschichte mit Jesus ein- für allemal hinter sich zu lassen. Man hat mal mehr Glück und mal weniger, deshalb gibt man nicht gleich auf, sondern sagt: Es wird auch wieder besser. Nicht ganz gut und nicht ganz schlecht, aber man schlägt sich so durch. Man vergisst seine Träume und findet sich ab.

Nur der Fremde, der da plötzlich am Ufer steht, der war in ihrer Planung nicht vorgesehen. Der ruft von der anderen Seite des Sees her, und er stellt ihnen eine Frage: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

In dieser Geschichte steht manches zwischen den Zeilen. Gemeint ist: Ist das alles, was ihr vom Leben erwartet? War eure Hoffnung nicht größer? Habt ihr denn vergessen, was ihr mit mir erlebt habt?

„Sie antworteten: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.“

Ein merkwürdiger Rat. Wenn es auf der einen Seite des Bootes keine Fische gab, warum sollten sie dann fünf Meter weiter plötzlich zu finden sein? Aber natürlich ist es auch hier anders gemeint: wenn ihr wirkliches Leben sucht, dann sucht ihr an der falschen Stelle. Dann müsst ihr euer Netz woanders auswerfen. Und als sie das tun, fangen sie eine große Menge Fische.

Wir alle leben zurzeit in einer Umbruchsituation. Die einen sind stärker eingespannt als sonst, weil sie Kranken helfen, die Versorgung sicherstellen oder ihre Kinder zu Haus betreuen müssen. Die anderen sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und erleben eine Zwangspause. Aber wir alle stehen vor der Frage, was die Zukunft bringt und wohin sich unser Leben in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird.

Vielleicht nutzen wir ja die Gelegenheit und fragen uns, wo wir denn überhaupt hinwollen. Was ist uns denn wichtig für unser Leben, für das eigene und das Zusammenleben in der Gesellschaft? Welche Ziele haben wir, und haben wir dazu den richtigen Weg eingeschlagen? Fischen wir auf der richtigen Seite?

Uns alle verbindet, dass wir nach Glück, nach persönlicher Freiheit und nach Sicherheit suchen. Und es gibt auf dem großen Markt der Möglichkeiten unzählige Angebote, die genau das versprechen. Danach läge das Glück liegt im Besitz, auf den man im Notfall zurückgreifen kann, im Spaß, den man sich gönnt, oder im Erfolg, den man sich erarbeitet hat. Aber all diese Sicherheiten haben sich als brüchig erwiesen. Wir wissen nicht, was Corona uns am Ende kosten wird, wirtschaftlich und menschlich. Wir haben keine Garantie dafür, dass wir selbst von der Krankheit verschont bleiben. Aber wir merken, dass unser eigenes Schicksal unlösbar mit dem Schicksal der Anderen verbunden ist. Dass unsere eigene Wirtschaft nur funktioniert, wenn es auch in den anderen Ländern eine funktionierende Wirtschaft gibt. Dass wir nur dann frei reisen können, wenn auch die Menschen in den anderen Ländern und Erdteilen sich frei bewegen können. Dass es das Glück also nie nur für uns allein gibt, sondern immer nur dann, wenn wir es mit anderen teilen.

Diese Zeit kann uns also dazu anregen, einmal auf die andere Seite des Bootes zu gehen. Auch mal zu schauen, wie es den Menschen in anderen Teilen der Welt geht. Vielleicht ist es Zeit für ein neues Motto: „Humanity first“.

Und vielleicht können wir die Zeit auch nutzen, einmal über unser eigenes Leben nachzudenken. Was ist eigentlich bei unserer Suche nach dem Glück herausgekommen? Haben sich unsere Wünsche und Vorstellungen erfüllt, oder lässt das Glück immer noch auf sich warten? Und wenn es so ist: könnte es daran liegen, dass wir es an der falschen Stelle gesucht haben? Weil wir immer nur auf der Suche nach mehr waren, nach mehr Besitz oder mehr Erfolg oder mehr Spaß?

Vielleicht haben wir das Glück ja schon längst überholt und es nur nicht gemerkt, weil wir immer nur noch vorn geschaut haben. Dann wäre es an der Zeit, einfach mal stehen zu bleiben und sich danach umzusehen, was wir eigentlich schon alles haben und worüber wir uns freuen können: ein Zuhause, in dem wir uns wohlfühlen, eine Familie, in der wir geborgen sind, ein Freundeskreis, der uns trägt, Nachbarn, auf die wir im Notfall zählen können.

Das Alles wird uns vielleicht besonders in dieser Zeit bewusst. Wir merken nun, dass es keineswegs selbstverständlich ist, so leben zu können. Gerade jetzt, wo unser normales Leben nicht einfach so weiter geht, denken wir mit einer gewissen Nostalgie an das Glück, das wir schon hatten. Und darin liegt eine große Chance, vorausgesetzt, wir vergessen das nicht gleich wieder, sobald der Alltag zurückkehrt. Es wäre schön, wenn wir uns ein bisschen Dankbarkeit bewahren könnten.

Vielleicht gewinnen wir auch ein bisschen Achtsamkeit für die Schöpfung. Jetzt im Frühling erleben um uns herum eine aufblühende Natur, die so wirkt, als würde sie sich gerade ein Stück weit von uns Menschen und unserer Ruhelosigkeit erholen. Ein blauer Himmel ohne Kondensstreifen, Innenstädte ohne Verkehrsstaus: wann haben wir das zuletzt gesehen? Aber natürlich können wir diesem friedlichen Bild auch ohne Corona näherkommen, wenn wir darauf verzichten, uns ständig mit Höchstgeschwindigkeit überall hin zu bewegen. Es ist ein Anstoß, einmal unsere Prioritäten zu überdenken.

Und wenn es gut geht, rühren wir in dieser Zeit auch wieder an die Wurzeln unseres Glaubens. „Es ist der Herr,“ sagt Johannes, als er die Stimme vom Ufer hört. Vielleicht hören wir aus all den aufgeregten Meldungen, die uns von allen Seiten erreichen, auch die Stimme Gottes heraus, der uns an unseren Glauben erinnert und uns einlädt, wieder mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Dann kann aus dieser Zeit der Krankheit auch eine Zeit der Heilung werden.

Amen.

Pastor i.R. Harald Bartling

haraldbartling@gmail.com

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