Suche
  • AS

Die Goldene Regel - Predigt zum 29.3.20

Predigt über Matthäus 7,12 29.3.2020

Unser heutiger Predigttext besteht nur aus einem einzigen Bibelvers, Matthäus 7 Vers 12.

Jesus sagt:

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“


Liebe Schwestern und Brüder,

„die goldene Regel“ wird dieser Satz aus der Bergpredigt genannt. Sie ist so oder in ähnlicher Form auch in anderen Kulturen formuliert; Immanuel Kant hat später daraus den kategorischen Imperativ entwickelt und ihn die Grundlage jeder Ethik genannt: Handle so, dass die Maxime deines Willens immer auch ein Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung sein könnte.“ Das klingt sehr anspruchsvoll, aber im Grunde genommen ist es immer noch der gleiche Gedanke, im Volksmund heißt es dann einfach und klar: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Nur dass es bei Jesus umgekehrt formuliert ist: Behandle den Anderen so, wie du selbst behandelt werden willst.


Das scheint ein vernünftiger Rat zu sein, besonders in dieser schwierigen Zeit, wo wir ja darauf angewiesen sind, Regeln einzuhalten. Und zwar alle, damit nicht alle Schaden nehmen. Es ist also eine Verantwortung, die jeder und jede einzelne von uns übernimmt für das Ganze. Die Aufforderung mitzudenken, zu überlegen, was der Andere braucht und was er sich wünscht. Und das ist nicht schwer festzustellen. Wir wissen es, weil wir uns ja in Andere hineinversetzen können. Martin Buber hat das Gebot der Nächstenliebe so umformuliert: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ Wir haben die Gabe der Empathie, der Einfühlung. Und sie ist ein guter Wegweiser zum richtigen Verhalten als Mensch und besonders als Christ. Denn als Christen werden wir sicher von uns selbst ein Stück mehr verlangen als von Anderen. Und möglicherweise andere Prioritäten setzen, in Zeiten von Corona.


Es könnte zum Beispiel sein und zeichnet sich auch jetzt schon ein Stück weit ab, dass man irgendwann fragt: Wieviel zählt ein Mensch? Wenn es, sagen wir mal, um 500 Milliarden Pfund oder Euro geht, die die Wirtschaft verliert, wenn man die Arbeiter lange isoliert? Ist es uns eine Million Tote wert? Oder opfern wir die, um die Wirtschaft schnell wieder in Gang zu bringen? Schließlich sind es ja in erster Linie Ältere, Kranke, die meist betroffen sind. Können wir die nicht dem Allgemeinwohl opfern? Politiker werden darüber entscheiden, aber die Allgemeinheit wird ein Wort mitreden. Die Frage wird sein: Wieviel ist ein Menschenleben wert? Um es genauer zu sagen: Wieviel ist uns das Leben unserer Mutter, unseres Großvaters wert?


Man merkt, das klingt schon etwas anders, wenn man nicht über irgendwelche Opfer spricht, sondern wenn dieses Opfer ein Gesicht hat, wenn es das Gesicht des eigenen Angehörigen hat. Und darum geht es eigentlich: dass wir uns hineinversetzen in die Anderen, dass wir konkrete Gesichter vor Augen haben. Dass wir uns überlegen, welche Folgen unser Verhalten für die anderen hat.


In Deutschland ist Toilettenpapier ausgegangen. Man kriegt es noch, bei Amazon für 30 Euro. Es gibt also schon wieder etwas wie Kriegsgewinnler. Wie ist es dazu gekommen? Ganz einfach: Als man anfing zu fürchten, Toilettenpapier könnte knapp werden, haben einige ganze Einkaufswagen mit Toilettenpapier gekauft. Und dadurch ist es wirklich knapp geworden. Nun liegen bei einigen 100 Rollen im Keller und werden da wahrscheinlich auch noch in Jahren liegen, während andere nichts haben.


Ein ganz banales Beispiel dafür, was passiert, wenn man nur an sich denkt: Hamsterkäufe. Es ist eine Frage der Ethik, der persönlichen Verantwortung. Auch des Schamgefühls: wie weit treibe ich den Egoismus? Wir haben uns ja in den letzten Jahren den Egoismus als Grundhaltung angeeignet, nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Auch die Werbung hat pausenlos an den Egoismus appelliert: Gönn dir was! Und zwar nur das Beste! Oder das Billigste. Billig will ich! Schnäppchendenken! Das alles kann man eine Zeitlang machen. Eine Spaßgesellschaft aufbauen. Aber die hält nur solange, bis es eine wirkliche Krise gibt. Dann muss man umdenken, und das ist schwierig, weil wir solche globalen Krisen seit Generationen nicht erlebt haben.


Was wir heute brauchen, ist ein Stück Disziplin. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Lehre“, genauer: die Haltung eines Schülers dem Lehrer gegenüber. Der Lehrer, mit dem wir es gerade zu tun haben, ist das Leben selbst. Und das ist ein strenger Lehrer. Der verlangt, dass man die Hausaufgaben macht. Dass man alles tut, was die Ausbreitung des Virus verhindert oder zumindest verlangsamt. Und das ist eine echte Spaßbremse. Da kann man natürlich immer noch in der Kneipe zusammensitzen oder in großen Gruppen Muttertag feiern, nur muss man die Kosten tragen. Und die sind enorm, die kosten viele das Leben.


Das Problem ist, dass einige meinen: Das kann uns ja egal sein, es ist ja nicht unser eigenes Leben. Wir sind ja noch jung. Feiern wir Corona-Parties! Stecken wir uns gegenseitig an, dann haben wir’s hinter uns, und Alte gibt es sowieso schon zu viel!

Es ist eine Frage der Ethik. Es ist die Frage, ob wir in der Lage und willens sind, Opfer zu bringen für Andere. Mitzudenken für Andere! Und auch da gibt es schöne Beispiele. Nachbarn, die vorbeikommen und Hilfe anbieten, falls man krank wird. Videos, die zeigen, wie man die Kinder beschäftigen kann in der Zeit der geschlossenen Schulen und Kindergärten. Und natürlich alle, die pausenlos und bis an den Rand der Kraft Kranke betreuen und um Leben kämpfen und dabei die eigene Gesundheit riskieren.


Jede Krise ist gleichzeitig auch eine Chance umzudenken, unser Gemeinwesen einmal aus einer anderen Perspektive zu blicken. Wir sind ja sehr kritische Menschen geworden und jederzeit bereit, über andere zu richten. Politiker, Lehrer, Wirtschaftsführer, Stars werden ja genauestens kontrolliert und jede tatsächliche oder wirklich Fehlentscheidung in Frage gestellt. Da hat auch jeder die Möglichkeit, seine Meinung im Netz kundzutun, auch wenn er kaum seinen Namen schreiben kann, sachlich oder unsachlich, verletzend, diffamierend, einen Shitstorm zu entfesseln. Besonders Politiker haben ja mit den erstaunlichsten Anwürfen zu tun, da ist der Meinungsfreiheit viel Raum gelassen und die Menschenwürde offenbar zweitrangig.


Und nun haben wir die Chance einmal zu würdigen, was Andere an Verantwortung übernehmen für die Gesellschaft, für uns alle. Überhaupt einmal diese Gesellschaft wertzuschätzen. Die Kultur, die über Jahrhunderte gewachsen ist, die Regeln, nach denen wir unser Leben als Massengesellschaft organisieren, die Sicherheiten, die wir aufgebaut haben, das soziale Netz, in das wir im Notfall fallen. Die Freiheit, die wir haben, und die Grenzen der Freiheit, die dem Einzelnen gesetzt sind, um die Allgemeinheit zu schützen. Gerade diese Grenzen werden uns ja heute wieder deutlich, wo sie so eng geworden sind. Umso mehr werden wir unsere Freiheit und unsere Sicherheit zu schätzen wissen, wenn das „normale Leben“ zurückgekehrt ist, und werden uns hoffentlich daran erinnern, dass dieses normale Leben durchaus nicht selbstverständlich ist, dass wir dafür dankbar sein können und natürlich selbst mit dafür verantwortlich sind, dass es gelingt.


Diese Zeit der Krankheit und der Einschränkung ist auch eine Chance einander wieder als Menschen und Nachbarn wahrzunehmen. Ich erlebe es bei Spaziergängen, dass man zwar sehr sorgfältig auf einen Sicherheitsabstand achtet, aber sich dabei freundlich anlächelt oder grüßt, selbst wenn man sich nicht kennt. So als wollte man dem Anderen sagen: Nur Mut! Gemeinsam schaffen wir das! Und das heißt, wir beginnen zu verstehen, was den Anderen bewegt. Denn er ist wie wir. Amen.


Pastor Harald Bartling

Haben Sie dazu eine Rückmeldung oder Fragen? Dann schreiben Sie mir: haraldbartling@gmail.com

6 Ansichten

(+44) 1223-356167

4 Shaftesbury Road
Cambridge
CB2 8BW
United Kingdom

©2019 Evangelisch-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland. 
Registered Charity 1135273

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now