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Das Prinzip Verantwortung - Predigt zum 14.6.20

Das Prinzip Verantwortung

Predigt über Apostelgeschichte 4,32-37

1.Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2020

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Schwestern und Brüder,

je nach politischer Einstellung mag man sich über diesen Bericht aus der Urgemeinde in Jerusalem freuen oder auch ärgern. Ich bin mir sicher: wenn Donald Trump bei seinem werbewirksamen Auftritt vor der St. John’s Church in Washington die Bibel nicht nur hochgehalten, sondern sie auch geöffnet und etwas daraus vorgelesen hätte, er hätte mit Sicherheit nicht ausgerechnet diesen Abschnitt über die ersten Christen gewählt, in dem es heißt: „Nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“

„Frühchristlicher Kommunismus“, hat das mal jemand genannt, und das lässt ja bei vielen Warnleuchten angehen. Wobei man sich natürlich klarmachen muss: Es geht da nicht um ein sozialpolitisches Experiment, das die Apostel mit der Gemeinde angestellt hätten, sondern es ging um schiere Notwendigkeit. Die Urgemeinde in Jerusalem war nach Pfingsten sprunghaft gewachsen, laut Apostelgeschichte waren Tausende neuer Mitglieder dazugekommen, aber die meisten von ihnen waren arm. Wenn Paulus im 1.Korintherbrief schreibt: „Seht euch doch, Brüder und Schwestern, die Berufung an: nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen“, dann ist das durchaus wörtlich zu nehmen. Es waren vor allem Ärmere, die sich dieser neuen Glaubensbewegung anschlossen, verständlicherweise: denn wer in Jerusalem zu den besseren Kreisen gehörte, der riskierte schon sein Ansehen, wenn er sich dieser neuen religiösen Splittergruppe anschloss. Für die Ärmeren war das Risiko geringer, und sie fanden dafür in der engen Gemeinschaft der Christen Halt und Geborgenheit.

Für die Apostel bedeutete das allerdings ein hohes Maß an Verantwortung, denn sie mussten dafür sorgen, dass Arbeitslose, Kranke und Witwen mitversorgt wurden. Und ihr Appell an die Bessergestellten blieb nicht ungehört. Viele verkauften sogar Häuser und Land und stellten das Geld der Gemeinde zur Verfügung, so dass „jeder das bekam, was er nötig hatte“. Später nahmen diese Versorgungsfragen so viel Raum ein, dass man sieben Armenpfleger einsetzte, die sich darum kümmern sollten, Diakone genannt. Daher der Begriff Diakonie.

Das alles kann man in der Apostelgeschichte und in den Briefen des Neuen Testamentes nachlesen und ist ein wichtiger Bestandteil der Kirchengeschichte, aber auch der Weltgeschichte. Der Gedanke der Diakonie wurde Teil der europäischen Kultur und prägte das politische Denken und das Sozialsystem. Das Wort „sozial“ stammt vom lateinischen „socius“ ab, und das ist niemand anders als der Nächste aus dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter.

Vielen kirchenkritischen Zeitgenossen ist gar nicht bewusst, wie sehr unsere Gesellschaft durch 2000 Jahre christliche und damit auch humanistische Tradition geprägt ist, bis hin zu Menschenrechten und zur sozialen Gesetzgebung. Das Evangelium ist in vielen Ländern zum weltlichen Kulturerbe geworden, ohne dass man sich so recht daran erinnert, woher die Idee stammt. Umgekehrt kann es aber auch passieren, dass eine Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, sich zum Christentum zu bekennen, gleichzeitig die zentrale Botschaft von der Nächstenliebe vergisst. Und das hat Folgen.

Wie sehr soziale Spannungen eine Gesellschaft zerreißen können, erleben wir zurzeit in den USA. Es ist ja nicht nur Polizeiwillkür und Rassismus, was die Wellen der Empörung so hochschlagen lässt; es ist ja dahinter auch die soziale Ungleichheit, die in der Zeit von Corona besonders deutlich wird. Wer wenig verdient und sich keine Krankenversicherung leisten kann, wird es sich schon sehr überlegen, ob er in ein Krankenhaus geht und seine ganze Familie damit möglicherweise finanziell in den Ruin treibt. Besonders wenn er vielleicht gerade seine Arbeit verloren hat. Solche Probleme löst man allerdings nicht mit noch härterer Staatsgewalt, sondern nur durch konkrete Hilfsmaßnahmen, die man dann auch nicht nur der Kirche und anderen wohltätigen Institutionen überlassen kann.

Gleichzeitig ist es ermutigend zu sehen, welche Gegenbewegung dadurch weltweit entstanden ist. Der Rassismus ist wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt, aber auch die Probleme, die sich aus dem Gefälle von armen und reichen Bevölkerungsschichten, armen und reichen Ländern ergeben. Corona hat uns deutlich gemacht, dass wir eine Schicksalsgemeinschaft bilden, in der niemand auf Dauer in Frieden leben kann, solange anderswo Menschen in Not sind. Und da kann uns der heutige Predigttext und kann uns das Neue Testament hilfreiche Impulse zum Nachdenken geben.

Die Jerusalemer Gemeinde hat sich nicht als Modell für die antike Gesellschaft verstanden, und das ganze Neue Testament enthält keine ausformulierte Sozialethik. Es gibt aber einen richtungsweisenden Grundsatz. Er gehört zu einem Spendenaufruf, den Paulus an die Gemeinde in Korinth richtet und mit dem er sie bittet, die Christen in Jerusalem zu unterstützen. Er steht in 2.Korinther 8 Vers 14 und lautet kurz formuliert: „Euer Überfluss diene ihrem Mangel“.

Dieser christliche Grundsatz ist auch in die Sozialgesetzgebung moderner Staaten eingeflossen. Danach entscheidet nicht nur die individuelle Leistung darüber, was der Einzelne zum Leben hat, sondern auch die Frage, was er zum Leben braucht. Es muss jedenfalls genug sein, um ihm das Überleben zu sichern. Dass in einem reichen Land Menschen sterben, weil sie keinen Anteil an der Gesundheitsversorgung haben, ist genauso wenig akzeptabel wie die Tatsache, dass in manchen Teilen der Welt Lebensmittel vernichtet werden, während in anderen Teilen der Welt Menschen verhungern. Es muss einen Ausgleich geben zwischen denen, die zu viel, und denen, die zu wenig haben. Euer Überfluss diene ihrem Mangel.

Nur: wie erreicht man das? Ein Meinungsforschungsinstitut bekam den Auftrag, eine repräsentative Umfrage in der Bevölkerung durchzuführen, mit der Frage: Was halten Sie davon, eine spezielle Steuer für Reiche einzuführen und damit ein festes Grundeinkommen für alle zu finanzieren? Als die Auftraggeber wissen wollten, was denn bei der Befragung herausgekommen sei und ob sich die Bevölkerung sich für oder gegen diesen Plan ausgesprochen habe, war die Antwort: Teils – teils. Die Ärmeren waren dafür. Die Reicheren waren dagegen.

Das ist das Dilemma. Wenn jeder nur an sich denkt, ist noch lange nicht an alle gedacht. Es ist eine Frage des Umdenkens.

Auch da kann man etwas von der Urgemeinde in Jerusalem lernen. Die Gemeinde hat die Reicheren nicht enteignet oder eine Zwangsabgabe von ihnen erhoben. Die Reicheren haben die Not der Anderen gesehen und verstanden, dass Hilfe nur von ihnen selbst kommen konnte, und haben ihren Besitz geteilt. Es war eine freiwillige Entscheidung, die sie aus Glauben, aus innerer Überzeugung getroffen haben. Das ist wichtig. Natürlich muss es eine Sozialgesetzgebung geben, mit der der Staat allzu willkürliche Selbstbereicherung verhindert und die Schwächeren schützt, aber Gesetze reichen nicht aus, um dauerhafte Veränderungen zu erreichen. Wirkliche Veränderungen können nur aus innerer Einsicht entstehen.

Ich habe den Eindruck, dass wir dringend eine solche Rückbesinnung brauchen, auch und gerade, was unseren Umgang mit Finanzen betrifft. Die alten Slogans von „Jeder ist sich selbst der Nächste“ bis „Geiz ist geil“ führen uns nicht weiter, auch nicht die kritiklose Bewunderung für die Reichen und Schönen im Fernsehen. Was wir brauchen, ist eine Rückbesinnung auf ethische Verhaltensweisen. Es geht um das Prinzip Verantwortung, das heißt: Ich blicke einmal von mir selbst und von meinen eigenen Interessen weg und sehe nach, welche Folgen mein Verhalten für andere hat. Und fühle mich verantwortlich dafür, dass auch sie in Würde leben können.

Es geht auch um ein altmodisches Wort namens „Anstand“. Wenn der Chef eines Industrieunternehmens mehr als das Hundertfache dessen verdient, was ein Arbeiter am Fließband für fünf Tage angestrengter Arbeit plus Überstunden bekommt, dann ist das nicht ungesetzlich, aber es ist auch nicht anständig. Wenn Broker an der Börse Millionenbeträge verschieben und gegen ganze Staaten wetten, ohne sich zu fragen, wie viele Menschen dadurch in den Ruin getrieben werden, so gehört das zu ihrem Job, aber es ist auch in höchstem Maß unsozial. Wenn eine Wahl dadurch entschieden wird, wie viele Millionen die Kandidaten in ihren Wahlkampf pumpen können, um die Wählerschaft zu beeinflussen, dann ist das undemokratisch. Wir werden an vielen Stellen darüber nachdenken müssen, welchen Stellenwert wir dem Geld in unserer Gesellschaft einräumen. Wir werden das auch gesetzlich regeln müssen, aber am Anfang steht das Umdenken. Und das gilt durchaus nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst, denn auch unser Finanzgebaren hat Auswirkungen auf andere Menschen.

Hat das etwas mit unserem Glauben zu tun? Sicher nicht, wenn wir den Glauben als privaten Bereich unseres Lebens verstehen, den wir am Sonntag betreten und im Alltag hinter uns lassen. Sicher doch, wenn wir verstehen, dass unser Leben ein Ganzes ist und dass unser Nächster nicht nur der ist, der in der Kirche neben uns sitzt. ---

„Wann weicht die Nacht dem Morgen?“ wurde ein Rabbi gefragt. „Ist es dann, wenn man ein Haus von einem Baum unterscheiden kann? Oder ist es erst, wenn man einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“ „Nein“, erwiderte der Rabbi. „Es ist dann, wenn du in das Gesicht eines anderen Menschen blicken und darin deine Schwester oder deinen Bruder erkennen kannst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Pfarrer i.R. Harald Bartling

haraldbartling@gmail.com

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