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Das Gleichnis von den ungleichen Brüdern - Predigt zum 28.6.20

Liebe Gemeindemitglieder, hier kommt die letzte Predigt von Pfarrer Harald Bartling. Wir bedanken uns fuer die verlaessliche Begleitung in schwierigen Corona Zeiten und wuenschen Harald und Corry alles Gute und Gottes Segen!



Predigt über Lukas 15, 1-2.11-32 - 3. Sonntag nach Trinitatis

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um Jesus zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Jesus aber erzählte ihnen ein Gleichnis:

11 Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie.

13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.14 Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich!

20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Liebe Schwestern und Brüder,

das Gleichnis vom verlorenen Sohn, so wird diese Geschichte aus Lukas 15 meist überschrieben. Aber wenn man genauer hinschaut, geht es gar nicht um einen verlorenen Sohn, sondern es geht um zwei Söhne, die ganz unterschiedlich sind, und es geht um den, der für sie beide Vater ist. Ich möchte der Geschichte also eine andere Überschrift geben: Das Gleichnis von den ungleichen Brüdern. Es ist sicher einer der schönsten Texte des Neuen Testamentes.

Zwei Brüder, ein älterer und ein jüngerer. Der jüngere lebt ungern auf dem Hof seines Vaters, er fühlt sich eingeengt und eingezwängt von den täglichen Pflichten. „Soll ich ein Leben den. Acker meines Vaters pflügen? Im Frühjahr säen und im Herbst ernten? Jeden Tag dasselbe tun und immer die gleichen Gesichter sehen? Das kann doch nicht alles sein! Das kann doch nicht mein Leben sein!“

Und so geht er zum Vater und sagt: „Vater, gib mir meinen Teil des Erbes! Zahl mich aus, denn ich will hier weg. Ich will die Welt sehen! Ich will die Sonne auf meiner Haut spüren und den Wind in meinem Gesicht. Ich will aus vollen Zügen leben!“

So sagt es der jüngere Bruder. Und der Vater gibt ihm seinen Teil des Erbes.

Dann ist da der zweite, der ältere Sohn. Der bleibt zu Haus und tut seine Pflicht. „Sie brauchen mich hier, und ich brauche meine vertraute Umgebung. Ich will ein Leben lang den Acker meines Vaters pflügen. Ich will eine Familie gründen und ihr Heimat geben und durch sie Heimat erfahren. Mögen andere vom Glück hinter den Bergen träumen, ich bleibe hier.“

So sagt es der ältere Bruder. Und der Vater teilt sein Gut unter seine Söhne.

Dem einen das Gut, Freiheit zu suchen und Neues zu erleben. Dem anderen das Gut, Sicherheit zu finden und Altes zu bewahren. Und sie gehen hin und leben, jeder auf seine Weise. ---

Wer von beiden steht uns näher, der jüngere oder der ältere Bruder? Das wird je nach Persönlichkeit unterschiedlich sein und sicher auch ein Stück weit davon abhängen, in welcher Altersstufe wir uns selbst befinden. Aber wir kennen beide Brüder und tragen ihre Erbteile auch in uns. Nennen wir sie Neugier und Treue oder Lebenslust und Pflichtbewusstsein, Freiheitsdrang und Sicherheitsbedürfnis: beides sind Erbteile, die wir von Gott erhalten haben. Beide gehören zum Leben, das er uns geschenkt hat, und wir müssen versuchen, sie in guter Weise miteinander zu verbinden. Denn niemand lebt nur von Freiheit, und niemand wird allein dadurch satt, dass er genug zu essen hat.

Diese Erfahrung hat auch der jüngere Sohn gemacht. Eines Tages kehrt er zum Vater zurück. Der Hunger hat ihn nach Haus getrieben, aber nicht nur der Hunger nach Brot. Und der Vater geht ihm entgegen und nimmt ihn mit offenen Armen auf und feiert mit ihm ein Fest.

Ich stelle mir vor: Am Abend nach dem Fest, als die Gäste schon gegangen sind und der ältere Bruder immer noch nicht gekommen ist, da sitzen die beiden noch zusammen, und der Sohn erzählt.

„Vater, ich habe die Freiheit gefunden, von der ich geträumt hatte, und ich habe sie genossen. Ich habe den Wind in meinem Gesicht gespürt und die Sonne auf meiner Haut. Aber manchmal habe ich auch vor Hunger nicht schlafen können, und manchmal habe ich Angst gehabt vor dem, was kommt. Dann habe ich an deine Tagelöhner gedacht, die täglich ihrer Arbeit nachgehen und ihr Auskommen haben, eine Familie und ein Dach über dem Kopf. Vater, gib mir auch diesen Teil deiner Güter, wenigstens ein Stück davon. Gib mir ein bisschen Sicherheit und Geborgenheit.“

Und der Vater, der ein guter Vater ist, sagt: „Dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.“

Denn er weiß, diese Erfahrung hat er seinem Sohn nicht ersparen können: Frei zu sein und zu frieren, den eigenen Weg zu suchen und sich zu verlaufen. Erst dann kann man nach Haus zurückkehren und das Bewährte aufnehmen, aber nun wird man es auf eigene Weise tun, so dass etwas Neues entsteht.

Nun geht es in diesem Gleichnis nicht nur um den einen Sohn, es geht auch und genauso betont um den anderen, den älteren Bruder. Ich glaube, dass der Vater auch von ihm etwas erwartet hatte. Vielleicht, dass er eines Tages zu ihm gekommen wäre und gesagt hätte:

„Vater, ich bin dir immer ein guter Sohn gewesen, und es hat sich für mich gelohnt. Aus meinen Kindern ist etwas Ordentliches geworden, und ich selbst habe nie Not gelitten. Und trotzdem ist ein Teil meines Hungers ungestillt geblieben. Vater, gib mir auch den anderen Teil deiner Güter, wenigstens ein Stück davon. Etwas mehr Freiheit, damit ich in meiner kleinen Welt nicht ersticke. Etwas mehr Offenheit für Neues und für andere Menschen, damit ich nicht in Selbstgerechtigkeit versinke. Gib auch das Teil des jüngeren Sohnes.

So hoffte der Vater, aber der ältere Sohn ist nicht gekommen. Vielleicht wird er sich am Ende als der verlorene Sohn erweisen. ---

An wen richtet sich dieses Gleichnis? Es heißt, Jesus erzählte es den Pharisäern und Schriftgelehrten, die sich darüber ärgerten, dass er mit Zöllnern und Sündern aß. Es ist also in erster Linie an die Ordentlichen, die Frommen, an die älteren Brüder gerichtet. Es ist eine Einladung, sich mit den jüngeren Brüdern versöhnen zu lassen; sie nicht abzulehnen, weil sie nicht ganz so ordentlich und fromm sind, sondern sich mit Gott über alle zu freuen, die zu ihm zurückgefunden haben, und zu dem Fest zu kommen, das er für sie gibt. Weil Gott für beide Söhne Vater ist und beide gleich liebt.

Aber Jesus spricht auch die jüngeren Brüder an. Er sagt ihnen: Erhebt euch nicht über eure älteren Brüder, über die Ordentlichen, Pflichtbewussten, die manchmal etwas traurig und unscheinbar wirken, weil sie sich in Sorge und Arbeit verlieren. Seid dankbar für ihre Zuverlässigkeit, von der auch ihr profitiert. Und lernt von ihnen, dass das Leben nicht nur Spaß ist, sondern auch Verantwortung mit sich bringt.

Der diese Geschichte erzählt hat, war selbst einer, der in weiten Horizonten gelebt hat, der sich über die Vögel am Himmel und die Blumen auf dem Feld freute und die Freiheit liebte. Der aber gleichzeitig die Not seiner Mitmenschen gesehen hat und sie mitgetragen hat bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebens. Von ihm können wir lernen, andere Menschen in ihrer Andersartigkeit anzunehmen. Aber auch, den jüngeren und den älteren Bruder in uns selbst anzunehmen und sie miteinander zu versöhnen. Weil beide Teile – die Freude am Leben, die Neugier, die Unbeschwertheit und das Verantwortungsgefühl, die Disziplin, die Sorge um andere – uns von Gott als Erbe mitgegeben sind.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Pastor i.R. Harald Bartling

haraldbartling@gmail.com

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