Corona und das Gleichnis vom reichen Kornbauern

Predigt über Lukas 12, 16-21


Jesus sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. 18 Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter 19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! 20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast? 21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.


Liebe Schwestern und Brüder,


das Gleichnis vom reichen Kornbauern ist uns ja vom Erntedankfest her vertraut. Da war es bisher das Evangelium zum Sonntag und nicht so angenehm zu hören, denn zum Erntedankfest sollte es ja eigentlich um den Segen gehen, den Gott uns in der Ernte geschenkt hat, und nicht um eine Warnung vor Habgier, wie Jesus sie hier ausspricht. Vielleicht liegt es daran, dass man das inzwischen als Lesung für das Erntedankfest gestrichen und durch die angenehmere Geschichte von der Speisung der Viertausend ersetzt hat.


Aber weg ist sie dadurch noch nicht. Und vielleicht tun wir ja gut daran, uns wieder einmal an sie erinnern, gerade in dieser Zeit, in Zeiten von Corona. Also hören wir doch mal hin, was da uns gesagt wird.


„Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen.“ Im Alten Testament hätte da wahrscheinlich gestanden: Der war von Gott reich gesegnet worde. Jesus sagt das nicht. Offenbar ist für ihn Reichtum nicht gleich das gleiche wie Segen; ob er zum Segen wird, hängt davon ab, wie man damit umgeht.


Der Kornbauer jedenfalls geht die Sache ganz modern an, effektiv: er reißt seine alten Scheunen ab und baut neue, größere; er erweitert seine Lagerkapazität. Und ist nun für alles gerüstet, das Wachstum kann weitergehen. Nur mit einem hat er nicht gerechnet: „Gott sprach zu ihm: Du Narr, heute Nacht will ich deine Seele von dir nehmen. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?“


Eine böse Überraschung. Und vielleicht eine heilsame Geschichte für uns. Ein Anstoß, darüber nachzudenken, wofür wir leben, welche Prioritäten wir setzen und wie es um unsere Sicherheiten steht. In den letzten Wochen ist ja vieles, was wir bis dahin für sicher gehalten haben, in Frage gestellt worden. Wir haben gemerkt, wie anfällig unser Handelssystem ist, unser Gesundheitssystem, internationale Transporte und Reisen, unser Besitz und schließlich unser Leben selbst. Und darum würde ich gern einige Anstöße aus dieser Geschichte vom reichen und sicheren Kornbauern aufnehmen. Nicht als Mahnung, sondern als Denkanstoß.


Was steht da eigentlich über die Weltanschauung des Kornbauern? Welche Motive stecken hinter seinem Verhalten?

„Ich will zu meiner Seele sagen: Seele, du hast nun einen großen Vorrat für viele Jahre, hab nun Ruhe, iss und trink und habe guten Mut!“ Also das eigentliche Motiv, was hinter diesem Sammeln von Besitz steht, ist der Wunsch, etwas für die Seele zu tun. Die Seele soll beruhigt werden. Sie soll sich sicher fühlen, ihre Angst loswerden. Sie soll satt werden, rundum sorglos.


Die Seele isst aber kein Korn. Sie wird nicht satt von Besitz. Sie wird auch nicht sicher durch äußere Absicherungen. Sie ernährt sich von ganz anderen Dingen. Von der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, mit der Arbeit, die man tut, von der Freude an der Familie, an Freunden. Sie ernährt sich von einem Sinn, der dem Leben eine Richtung und ein Ziel gibt. Von einem guten Gewissen, von Gerechtigkeit, die man erlebt und ausübt.


Sie nährt sich auch von Problemen, die man gelöst hat, sie wird stärker durch Gefahren, die man überstanden hat. Sie braucht ein Sicherheit und Geborgenheit, aber sie braucht auch ein Stück frische Luft und Freiheit. Das ist, was das Alte Testament Shalom nennt, Frieden mit sich selbst und mit den Mitmenschen, eine menschenfreundliche und lebensfreundliche Umwelt. Frieden auch mit Gott, Hoffnung, Sinn.


Daran kann uns Corona erinnern. Ich will damit nicht sagen, dass Gott uns diese Krankheit geschickt hat, um uns zu strafen oder um uns zu mahnen. Ich will nur sagen, dass sie auch etwas Gutes haben kann, weil sie uns zur Besinnung bringen könnte.


Es gibt so vieles, was wir als selbstverständlich hinnehmen. Unsere Reisefreiheit. Weltweite Reisen, wie schön! Aber auch, wie riskant, weil sich dadurch auch Viren unbegrenzt verbreiten! Eigentlich wissen wir ja sowieso, was wir unserem Klima mit unseren Fernreisen zumuten, in Deutschland spricht man von der Flugscham. Man schämt sich, zuviel zu fliegen, man tut es aber trotzdem. Schlimmer übrigens die sogenannten Traumschiffreisen, die für das Meer und die Küstenbewohner eher Alptraumschiffreisen sind. Der ganze Autoverkehr. Immerhin ist der Himmel über manchen chinesischen Millionenstädten inzwischen klar, wegen Corona, weil der Verkehr eine Zeitlang zum Erliegen gekommen war. Manchmal müssen wir wohl zu unserem Glück gezwungen werden.


Wir haben uns auch an etwas sehr gewöhnt, das mit dem Zauberwort „Wachstum“ verbunden ist. Das Wirtschaftswachstum, das ganz selbstverständlich immer weitergehen muss. Obwohl wir natürlich wissen, dass dieses Wachstum Grenzen hat, einfach weil unser Planet nicht unbegrenzt über Rohstoffe verfügt. Das weiß man seit den 80er Jahren, seit der umfänglichen wissenschaftlichen Untersuchung, die unter dem Namen „Die Grenzen des Wachstums“ weltweit Aufsehen erregte (und dann natürlich wieder vergessen wurde).


Jahrelang sind die Börsenkurse immer weiter gestiegen, man hat das mitgenommen, auch wenn man längst wusste, dass die Bewertung längst nicht mehr durch die Realität gedeckt war. Viele Jahre lang war es profitabler, sein Geld für sich arbeiten zu lassen, als selbst zu arbeiten. Das hat die Gesellschaft ein Stück auseinandergerissen, die Schere ist auseinandergegangen, zwischen Armen und Reichen im selben Land und zwischen armen und reichen Ländern. Vielleicht bringt uns Corona dazu, wirklich mal zu verstehen, wie das ist, wenn einem die Lebensmittel fehlen.


Corona erinnert uns auch daran, wie künstlich Grenzen sind. Wie sehr unser Schicksal jenseits von Nationaldenken und egoistischen Handelsbedingungen weltweit verknüpft ist. Der amerikanische Präsident hat es sich ja nicht nehmen lassen, als feindliches Virus zu bezeichnen, das die bösen Europäer ins Land gebracht haben. Ein Gedanke, der die ganze Lächerlichkeit dieses nationalen Denkens deutlich gemacht hat. Nein, wir werden daran erinnert, dass wir eine Menschheit sind, die Wohl und Wehe miteinander teilen über Grenzen hinaus, dass wir einen Planeten haben, für den wir alle gemeinsam verantwortlich sind.

Eine Gelegenheit, über die Verantwortung nachzudenken, die jeder von uns hat. Auch die Generationen füreinander. In diesem Fall einmal die Jüngeren für die Älteren, denn so wenig Kinder gefährdet sind oder jüngere Menschen, wenn sie angesteckt werden, so sehr können sie die Älteren gefährden, die nicht so leicht mit dem Virus fertigwerden. Auch als Kirche müssen wir uns Gedanken darüber machen müssen, welche Konsequenzen wir aus der Krankheit ziehen für unser Gemeindeleben.


Natürlich werden wir uns als Christen nicht in Panik versetzen lassen. Wir werden diese Krankheit nicht als Geißel Gottes verstehen und werden uns von ihm getragen wissen auch in der Krankheit. Wir können daran glauben, dass alles, was geschieht, dass also auch diese Pandemie einen Sinn hat, unter anderem den, dass sie uns zum Nachdenken bringt, wenn es gut geht, sogar zur Buße. Aber wir sollten dabei Glauben nicht mit Leichtsinn verwechseln. Gott hat uns unseren Kopf gegeben, damit wir ihn benutzen.


Im nächsten Monat jährt sich der Todestag Dietrich Bonhoeffers zum 75. Mal. Ich möchte schließen mit einem Glaubensbekenntnis, das er formuliert hat.


„Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.


Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.


Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.

Ich glaube,dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“


Amen.

54 Ansichten

(+44) 1223-356167

4 Shaftesbury Road
Cambridge
CB2 8BW
United Kingdom

©2019 Evangelisch-Lutherische Kirche deutscher Sprache in Ostengland. 
Registered Charity 1135273

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now